Zwischen Umzugschaos und zwischenmenschlichen Überraschungen
„Überleg Dir bitte nochmal, wie ich jetzt die nächste Woche planen soll! Ich würde sonst mal versuchen, den Donnerstag frei zu bekommen.“
Es ist schwierig zu verstehen, was hier gerade passiert.
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Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, dass der letzte Umzug von der Studienstadt in den Ort in der Ferne so anstrengend gewesen ist. Damals bin ich doch gerade ein paar Tage aus der Psychiatrie entlassen worden – wie zur Hölle hätte ich denn das schaffen können?
Seit Samstag bin ich ununterbrochen durch Möbelgeschäfte gelaufen und habe gesucht und überlegt, wie ich meine Einzimmerwohnung zweckmäßig und gemütlich einrichten kann. Ich glaube, so viele neue Möbel habe ich für meine Wohnung im Ort in der Ferne zusammen nicht gekauft – der Vormieter hat ja auch netterweise ein paar Möbel einfach stehen lassen und die haben erstmal gereicht. War ein Win für beide Seiten glaube ich, denn ich hätte mir damals auch so schnell erstmal ein Möbilar leisten können.
Und natürlich gehen bei so vielen Dingen parallel auch einige Sachen schief. Der Router für das Internet ist an die falsche Adresse geliefert worden – wobei weiterhin in den Sternen steht, ob man den auch anschließen kann, aber zumindest erbarmt sich jetzt ein Techniker hierher zu kommen und sich die Sache anzuschauen. Der kommt aber erst nächsten Freitag.
Auch mit dem Bett – dem eigentlich wichtigsten Möbelstück gibt es Schwierigkeiten. Die Firma hat keine Ahnung, wo dieses Bett ist und ob das überhaupt schon in Auftrag gegeben wurde. Zum Glück hat meine Schwester mir schon vor Monaten eine riesige Luftmatratze ausgeliehen, die sich über den Strom aus der Wand aufpumpt. Ansonsten wäre ich ziemlich verloren.
Und sonst ist mal die Frage, ob das alles so passt, wie wir es ausgemessen haben.
Mittwochabend haben der Kardiochirurg und ich Möhrchen – aka das Auto – bis unter die Decke vollgeladen. Mit 70 PS und bergiger Strecke, war die Reise hierher gar nicht mal so witzig. Da muss man schon aufpassen, dass die LKWs sich nicht zu waghalsigen Überholmanövern verleiten lassen.
Gegen 19 Uhr war ich dann hier und habe erstmal flugs alles ausgeladen, bevor es dunkel wird und war dann noch ganz fix einkaufen.
Und ehrlich gesagt – wenn man dann nach den ersten Aufräumarbeiten um kurz vor Mitternacht mit einer Schale Nudeln auf dem Boden vor seiner Luftmatratze sitzt, weil es einfach noch keinen Tisch und keinen Stuhl gibt, dann fragt man sich schon was zur Hölle man sich da eigentlich gedacht hat.
Freitagmorgen haben der Kardiochirurg und ich erstmal Telefonkonferenz abgehalten. Mir war aufgefallen, dass auf dem Ofen irgendwie eine Wattzahl angegeben war und ich kam nicht zurecht mit diesem Teil. Eine kurze Recherche hat dann ergeben, dass es sich bei dem Gerät um eine Kombination aus Herd, Ofen und Mikrowelle handelt. In den 80er Jahren war das scheinbar ziemlich in Mode und da wir ja jetzt wissen, dass die Wohnung quasi seit den 80ern bis jetzt leer stand, passt das ganz gut ins Bild. Aber ernsthaft – diese Wohnung ist eine Wundertüte. Ich hatte mich ja gedanklich schon intensiv mit der Frage beschäftigt, wo ich eigentlich noch eine Mikrowelle hinstellen soll. Bloß gut hatte ich noch keine gekauft. Ich habe das heute getestet: Man muss alle Bleche und das Rost raus nehmen und dann einfach das, was man erwärmt haben möchte unten auf den Boden stellen. Das funktioniert wirklich ziemlich gut.
Ich musste am Freitag schon früh wach sein, weil die Lieferung vom Sofa zwischen 7 und 11 Uhr sein sollte. Also habe ich mir gedacht, kann ich die Zeit auch sinnvoll nutzen und vielleicht mal einen Stuhl aufbauen. In der Anleitung stand, dass das zehn Minuten dauert und ich war schon ganz glückseelig, dass das wohl eine schnell Nummer sein wird. Tja – nur eben nicht bei einer Mondkind. Ich habe für die beiden Stühle einfach zwei Stunden gebraucht und hätte zwischendurch fast die Nerven verloren. Ich kam mit dieser Drehmechanik einfach nicht zurecht. Am Ende hat es aber geklappt und da war ich schon das erste Mal heute ein bisschen stolz auf mich.
Danach haben auch schon die Lieferanten angerufen, dass sie demnächst da sind. Das war alles ziemlich unkompliziert. Die haben ein bisschen über das enge Treppenhaus geflucht, aber hey: Wir haben sogar einen Fahrstuhl. Das Sofa wurde einfach in der Mitte meiner Wohnung abgestellt und dann waren die auch schon wieder weg.
Ich war danach erstmal einkaufen und habe versucht, die Basics miteinzukaufen. Mein Gehirn ist auch nicht mehr so ganz auf seiner geistigen Höhe – ich hatte einfach zwei Mal etwas vergessen und musste nochmal zurück. Die Kassiererin dachte sich bestimmt auch, ich habe mein Hirn heute einfach im Bett liegen lassen.
Danach habe ich noch den Esstisch aufgebaut. Am Ende hätte man die Holzplatten noch mit einem Akkuschrauber auf dem Gestell fest schrauben sollen. Aber da der Kardiochirurg den erst mitbringt und man die Platten eigentlich auch so drauf legen kann – die halten auch – habe ich mir gedacht, vielleicht braucht es das gar nicht. Da kann man nämlich den Tisch auch rein theoretisch wieder komplett zerlegen, wenn man mal wieder umzieht.
Das Sofa habe ich nicht alleine geschafft, weil man auch dafür einen Akkuschrauber braucht. Also blieb noch der Schreibtisch. Und das hat mich echt gefreut – das war eine richtig tolle Anleitung, in der alles astrein beschriftet war und man nicht die Hälfte raten musste.
Ein paar Schränke habe ich auch noch ausgewischt und schon bestückt, das Küchenfenster ist schon mal geputzt und joa – dann war es auch schon wieder spät.
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| Erster Snack am Tisch |
Samstag reist der Kardiochirurg fürs Wochenende an nach seinem Dienst. Ich hoffe der wird so ruhig, dass er fahren kann.
Überhaupt ist er das größte Rätsel überhaupt. Ich habe mir das heute nochmal so nebenbei überlegt: Der letzte Dezember war – was die Beziehung anbelangte – entgegen aller Hoffnungen nach dem Facharzt wirklich die Vollkatastrophe. Gemeinsamer Urlaub in den Bergen hat zum wiederholten Mal nicht geklappt – und im Regelfall meine ich das schon ernst, wenn ich Urlaubswünsche anmelde. Dann hat er Weihnachten alle drei Tage gearbeitet und vergessen zu sagen, dass er die restlichen Tage des unmittelbar darauf folgenden Wochenendes noch Rufdienst und Dienst hat. Das war wirklich eines der schlimmsten Weihnachten meines Lebens. Es war maximal lang – mehr Weihnachten kann man nicht haben und wir hatten exakt nichts davon und das war halt nicht so erwartet. Kommuniziert war: Ja, ich muss alle drei Weihnachtstage arbeiten, aber danach haben wir frei. Ich habe dann ja in Ermangelung von Möglichkeiten selbst am 24. Dienst gemacht.
Und das war dann auch der Zeitraum, in dem ich gemerkt habe, dass ich das alles so nicht mehr aushalte. Ich bin aber auch schlecht darin mich abzugrenzen. Es ist nicht das erste Mal, dass zwischemenschliche Schwierigkeiten bedeuten, dass ich erstmal gehen muss. Und nachdem das mit der Psychosomatik am Standort sowieso ein Theater ohne Ende war – das sicherlich lösbar gewesen wäre, mit Geduld und nachhaltigem auf den Füßen herum treten bei den Chefs – habe ich dann beschlossen, ich schaue mir halt mal eine andere Klinik an. So bin ich hier bei der Hospitation gelandet und die war eigentlich ein Volltreffer.
Mit dem Kardiochirurgen irgendwie in den Kontakt zu kommen, war das ganze Jahr über eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen. Jeder Vorschlag nach einem Ausflug wurde mit einem Nein beantwortet, von Urlaub mal ganz zu schweigen; teilweise haben wir uns wochenlang fast überhaupt nicht gehört. Ich wusste auch einfach nicht mehr, was ich machen soll. Ich war wütend, enttäuscht und traurig. Es sollte doch „unser“ Jahr werden, nach dem Facharzt. Ich habe uns schon am Gardasee, am Meer und bei irgendeinem Paraglidiung – Urlaub chillen sehen – die Locations fürs paragliden waren ja bisher auch nie schlecht.
Aber das hat nicht einen einzigen Tag funktioniert. Alle Konzertreisen dieses Jahr habe ich alleine gemacht, aus der Idee mit meiner Schwester und ihrem Freund gemeinsam zu verreisen wurde auch nichts und auch an den Wochenenden ging kaum etwas.
Und jetzt plötzlich – zwei Wochen bevor ich unter der Woche erstmal definitiv nicht mehr da sein kann, ist alles anders. Es ging damit los, dass er mir einfach einen Kuchen für die Station gebacken hat, weil ich so müde war, dass ich es nicht mehr geschafft hatte. Er war mit mir im Möbelhaus, schafft es mal endlich seine whatsApps zu beantworten. Er fragt mich, wie er seine Dienste verschieben soll und plötzlich geht das auch mal, einen Dienst zu verschieben und plötzlich kann man mal einen Tag Urlaub nehmen – am fehlenden Urlaub ist ja jedes Jahr der Dezemberurlaub gescheitert.
Auf der einen Seite genieße ich das. Denn das ist der Mann, den ich kennen gelernt habe damals. Der sich engagiert, präsent ist, der Verantwortung übernimmt, für die Beziehung und für die Freundin da ist. Der mal wieder Witze macht zwischendurch, der Ideen hat, der das Leben nicht ganz so ernst nimmt.
Und dennoch – warum jetzt? Warum kommt das, zwei Wochen bevor ich gehe? Warum konnten wir nicht Anfang des Jahres mal wie erwachsene Menschen miteinander reden und unsere Sachen klären? Warum muss es wieder darin münden, dass erst einer gehen muss? Ich glaube, er hat mir das bis zum Ende nicht ganz zugetraut, aber im Regelfall ziehe ich Dinge, die ich entscheide schon erstmal durch. Wenn auch mit viel innerem Widerstand.
Ich frage mich tatsächlich auch, ob ich mich vielleicht geändert habe; die Neuro hat mich zuletzt schon auch viel gestresst, weil die Kollegen alle toll waren und wegen denen hätte ich auch da bleiben können, aber ewig auf einer Stroke Unit zu arbeiten und fachlich irgendwie überhaupt nicht mehr voran zu kommen, ist schon auch frustrierend. Ob ich einen Facharzt habe oder nicht, hat da halt keine Rolle gespielt. Ich hatte nicht mehr Verantwortung oder mehr Entscheidungsgewalt – klar hat man sich schneller gemeldet, wenn es Problem zu lösen gab, ist freiwillig immer wieder in die ZNA gehüpft, hat die Stroke Unit auch ohne größere Schwierigkeiten alleine gemacht, wenn es sein musste.
Die Situation macht mich tatsächlich auch unglaublich wütend. Wir hätten uns all diesen Salat mit Fernbeziehungen sparen können; ich hätte nicht erstmal zwei Wohnungen haben müssen. Ehrlich gesagt habe ich mir schon massive Vorwürfe gemacht, nicht einfach ein bisschen geduldiger gewesen zu sein. Wäre die Beziehung okay gewesen, wäre ich ja nicht gegangen. Dann hätte ich nochmal mit allen geredet, hätte auch von mir aus noch ein halbes Jahr gewartet – für mich sind zwischenmenschliche Bindungen immer wichtiger, als irgendein Job, aber es sah einfach zu dem Zeitpunkt an dem ich das entschieden habe - trotz mehrfacher Versuche den Kardiochirurgen ins Gespräch zu holen - nicht so aus, als würde sich das irgendwann nochmal ändern.
Die Freunde sagen, ich soll es halt einfach genießen. Und erstmal abwarten. Vielleicht ist das sein Helfersyndrom, das hier gerade aktiv ist; er hilft nämlich allem und jedem gern aus der Patsche. Aber ehrlich gesagt könnte er auch sagen, er fährt zu seinem Opa, der gerade im Krankenhaus ist und da würde ich auch nichts sagen, weil es ihm sicher schlechter geht als mir und immerhin ist er sein Opa und bei Großeltern weiß man nie, wie viel Zeit man noch hat. Vielleicht ist er sich auch gerade unsicher, wie das jetzt weiter geht mit uns, will noch nicht ganz loslassen, aber vom Prinzip her verebbt das Engagement möglicherweise in drei Monaten wieder. Und wenn nicht – tja... - was dann? Ich habe die Wohnung schon absichtlich so eingerichtet, dass ich die Dinge, die ich bei mir weiter verwenden kann wirklich qualitativ hochwertig ausgewählt habe und einige wenige Dinge die keine Verwendung mehr haben werden, etwas günstiger genommen habe. Ich schlafe zum Beispiel zu Hause immer noch in dem Bett, das mir meine Nachbarin beim Einzug gegeben hat, weil sie es nicht mehr brauchte – das fliegt dann halt einfach mal raus. Das war gut – keine Frage; aber wahrscheinlich hätte ich ein anderes gewählt, hätte ich mir selbst eins ausgesucht. Den Schreibtisch kann ich weiter verwenden, die Stühle auch – die alten Bürostühle zu Hause sind sowieso kaputt und zerkratzen im Zweifel mit den gebrochenen Rollen nur den Boden. Und ich würde mir sogar überlegen, meinen viel zu großen Esstisch zu Hause zu verkaufen und dafür den jetzigen rein zu stellen. Auch meine Kaffeemaschine zu Hause hat es ziemlich hinter sich und fliegt dann weg, wenn ich die Haushalte wieder zusammen lege; ich habe die halt die letzten Monate bewusst nicht ausgetauscht. Was ich sagen will – ich habe das schon alles mit halbwegs Hirn gemacht; deshalb war es vielleicht auch so langwierig und umständlich; trotzdem frage ich mich, ob es eine gute Idee wäre, wegen der Beziehung, wenn sie sich weiterhin gut entwickelt, zurück zu ziehen. Bis dahin müssten wir schon einige Dinge klären – vielleicht auch im professionellen Rahmen. Denn was nicht passieren sollte ist, dass das genau so weiter geht, wie es all die Monate davor war. Das kann ich nicht mehr. Das hat mir zu viel Energie weg genommen und mich regelmäßig zu einem Menschen gemacht, der ich eigentlich nicht sein wil.
Ich bin mehr als froh, dass ich am Montag noch einen Termin bei meiner ehemaligen Therapeutin in der Studienstadt gemacht habe. Da kann ich das alles nochmal in Ruhe thematisieren und dann schauen wir mal, was sie dazu sagt.
So... - ich muss jetzt noch ein bisschen putzen hier, später kommt der Freund. Und falls wir uns heute nach getaner Arbeit noch entspannen wollen, gibt es auch irgendein Fest in der Stadt.
Mondkind

Geht ehrlich dazu brauchst du keine Therapeutin. Wenn die Beziehung jahrelang nicht funktioniert, dann wird es das jetzt auch nicht retten. Du wirst halt vielleicht weniger mitbekommen, dass du nicht gewertschätzt oder beachtet wirst aufgrund der Distanz. Es ist wirklich erstaunlich wie naiv 6nd blauäugig du das ganze reflektierst. Du bist eine intelligente und kompetente Frau, aber auf der emotionalen Ebene hat du die Reife einer 15 jährigen...
AntwortenLöschenVielleicht sollte man sich als KommentatorIn etwas zurückhalten? Es wurde nicht nach einer Meinung gefragt (Mondkind teilt hier nur Gedanken). Und sich durch ein paar Blogeinträge eine Meinung zu bilden, ohne die Person zu kennen, scheint mir auch schwierig.
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