Von Wochenende und Wochenstart

„Bist Du jetzt erst losgefahren?“, fragt mein Gegenüber etwas entgeistert, weil ich ihn noch ein paar Minuten vertröstet hatte. Es ist fast halb 10 mittlerweile und ich bin wirklich froh, dass ich mich zum Telefonieren verabredet habe – ansonsten wäre die Einschlafgefahr doch irgendwie erhöht. 
„Ja bin ich“, entegene ich. „Eigentlich war ich schon halb Acht startklar, nachdem der Chef und ich sich doch mal auf Teamwork geeinigt haben, weil wir beide heute noch mehrere hundert Kilometer fahren müssen. Aber dann gab es Eskalation mit dem Freund und dann ist eben jetzt. Weiß ich nicht – wahrscheinlich hat er sich gedacht, ich soll nicht auf die Idee kommen, mich in dieser Beziehung vielleicht mal zu entspannen. Weil das hat er jetzt wieder torpediert und das wird jetzt wieder ein paar Wochen dauern.“

„Und es war aber schon als Paarzeit geplant dieses Wochenende?“, hakt mein Gegenüber nochmal nach, nachdem ich erklärt habe, dass er in das geplante Paarwochenende wieder ohne Rücksprache den halben Tag eine OP rein geplant hat.
„Schon – so hatte ich das zumindest verstanden. Wir hatten zwar noch nichts Definiertes vor... - das ist halt auch immer so eine Sache. Er sagt dann immer „Mondkind, denk Dir was aus.“ Ja – Dankeschön, Du kannst halt auch mal nachdenken. Jedenfalls war ich diese Woche jeden Tag 12 Stunden oder mehr auf der Arbeit; ich hatte einfach keine Zeit dezidierte Pläne zu schmieden. Ich hatte mal überlegt, ob wir vielleicht doch nochmal in die Therme fahren; wir müssen ja nicht immer so weit – es gibt auch eine im Nachbarort, in der wir noch nie waren. Das würde meinen Kopfschmerzen oder der Erschöpfung vielleicht helfen. Oder – wenn wir es etwas sportlicher wollen, vielleicht Schwimmbad und am Abend Kino oder so. Also, das waren mal so Pläne zwischen Zähne putzen und Schlafen gehen. Und ich meine das Ding ist ja auch, dass meine Zeit sehr begrenzt ist aktuell, ich die ganze Woche versucht habe es so zu gestalten heute recht pünktlich gehen zu können und gestern zum Beispiel noch ultra gestresst einkaufen war, um es heute nicht machen zu müssen und eine Verabredung für Samstagfrüh abgesagt habe, weil ich das mit der Paarzeit halt schon ernst nehme. Das ist ja jetzt irgendwie auch alles für umsonst gewesen und das knallt er mir dann ja auch zusammen mit dieser Aussage vor die Füße. Natürlich sagt er das nicht wörtlich so, aber das ist ja das Ungesagte dahinter.“
„Hat er eine Alternative vorgeschlagen?“
„Nein und das ist halt das Ding. Es ging und geht ja nie darum, dass sich Dinge nicht mal kurzfristig ändern können. Aber er wusste genau, was er da macht und dass mich das verletzen wird. Also so viel Hirn hat er hoffentlich. Aber dann muss ich mir doch Gedanken machen, wie ich das jetzt mache. Entweder ich rufe meine Freundin mal an und frage, ob das okay wäre. Und vielleicht habe ich dann einen Vorschlag in der Tasche, was ich denn dafür tun könnte, dass ich unser vorerst letztes gemeinsames Wochenende auflöse. Oder, wenn ich die Freundin nicht erreiche – obwohl ich sowieso nur noch Büroarbeit gemacht habe, aber grundsätzlich natürlich auf der Arbeit nicht ständig am Handy bin – schreibe ich vielleicht einfach was. Sowas wie: „Mondkind, es tut mir leid, mir ist etwas dazwischen gekommen und ich weiß, dass Dich das verletzt, aber ich habe mir überlegt, wir könnten zum Beispiel dafür Sonntagfrüh gemeinsam frühstücken gehen.“ Oder irgendwie so was. Aber seine Taktik ist halt: Ich knall es ihr vor die Füße und sage ihr dazu, dass gemeinsames Ausschlafen nach einer Woche, in der man sich nicht gesehen hat und von der ich weiß, dass Du in der auch sehr gestresst warst, absolut überbewertet wird und eigentlich unnötig ist. Und dann versucht er mir zu erklären, warum das nicht schlimm ist, wenn sein verdammter Wecker uns beide nach einer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett schmeißt. Das ist so invalidierend und so wenig respektvoll. So kann man das nicht machen.“

Ich beschließe, dass wir dann genug Zeit auf diesen Ärger verschwendet haben und wir wenden uns anderen Themen zu.
 


***


Das Wochenende hat nicht die erhoffte Entlastung gebracht. 
Nachdem wir dann Freitagnacht um zwei Uhr im Bett waren und uns kurz nach sieben Uhr schon wieder der Wecker aus dem Bett geschmissen hat, war ich wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich bin dann zu mir gefahren und habe erstmal die Wäsche gemacht. Und mehr ist dann auch nicht passiert. Den restlichen Tag lag ich  mit Kofpschmerzenauf meinem Sofa und bin einfach zu gar nichts gekommen, obwohl ich echt ein bisschen was zu tun gehabt hätte. 
Frei hat man übrigens auch nie so wirklich. Es ist nicht okay, wenn einen Tag mal gar nichts läuft. Die Wäsche muss in jedem Fall Samstag gemacht werden, weil die ja noch bis Sonntagnachmittag trocknen muss und Sonntagnachmittag muss man dann packen und zurück fahren. Sonntagnachmittag war dann irgendwie nach allem Ärger auch kein Blumentopf mehr zu gewinnen und der Tag gestern hat dann mal wieder mit 3,5 Überstunden aufgehört. 

Am Abend haben der Freund und ich noch versucht die Urlaubsplanung für nächstes Jahr zu machen. Ich fand das schon recht sympathisch, dass er angekündigt hat, den Urlaub dieses Jahr wirklich als Urlaub planen zu wollen und nicht in seine frei – nach – Nachtdienst – Wochen. Denn je nachdem wie die so laufen, braucht er bis Montag oder Dienstag, um wieder auf den Damm zu kommen und sollten wir wirklich weg fahren wollen, verliert man da echt immer viel Zeit. Diese Idee hielt dann allerdings noch genau bis Montag. Und nachdem wir alles ausgekaspert hatten, ist ihm eingefallen, dass er zur Besprechung ja im OP ist und gar nicht teilnehmen kann. 
Danach habe ich mich nochmal erkundigt, was denn für Weihnachten dieses Jahr geplant ist seitens der Arbeit. Man hatte mich ja auch schon gebeten, ob ich nicht einen Dienst übernehmen könnte. Es würde mich wahrscheinlich niemand zwingen, aber ehe ich die Wohnung des Freundes wieder zum Wartezimmer mache, wäre das tatsächlich sogar die bessere Option. Toll wird Weihnachten wahrscheinlich nie werden, aber Dienste machen hat sich über die Jahre eigentlich immer als tragbare Alternative erwiesen. Jedenfalls meinte er dann, dass dafür ja eigentlich die Kollegen aus anderen Kulturkreisen zuständig sind und als ich dann rein sachlich angemerkt habe, dass ich daran so meine Zweifel habe, wenn er letztes Jahr an ausnahmslos jedem Tag inklusive des darauffolgenden Wochenendes mindestens 12 Stunden des Tages an der Klinik war, war das Telefonat ziemlich schnell beendet. 
Verbindlichkeit ist weiterhin nicht so seins und ich befürchte Weihnachten und auch der Urlaub nächstes Jahr werden ablaufen, wie wir das kennen. 

Ansonsten macht sich glaube ich langsam ein Gefühl von tiefer Einsamkeit breit. Ich habe kaum noch Menschen gesehen in den letzten Wochen, die ich kenne. Auf der Arbeit ist alles echt sehr distanziert; man quatscht dort nicht einfach mal fünf Minuten beim Kaffee trinken. Wenn ich Fragen habe, darf ich schon bei meienr Kollegin vorbei kommen. Sie gibt enge Zeitfenster vor, in die ich die wichtigsten Fragen platzieren kann und dann gehe ich auch schnell wieder. Und ich glaube, das machen alle so. Das höchste der Gefühle ist ein Gespräch über das Wetter. Irgendwie kenne ich das so nicht von meiner alten Arbeit, wo es auch immer ein bisschen socialising gab und die sozialen Batterien nie so ganz leer waren. 

Und dann gefällt mir das Arbeiten an sich auch weiterhin nicht. Ich versuche den Überblick nicht zu verlieren in einem Dschungel aus Patienten und Befunden. Und ich versuche einen Platz zu finden – auch vielleicht vor dem Hintergrund der Neurologin. Was „darf“ ich mir denn zutrauen. Muss ich wirklich für jede Kopfschmerzen ein EEG anmelden, „weil wir das halt schon immer so machen“? Was zur Hölle will ich denn da sehen? Ich versuche auf den Chefarztvisiten für jede Frage eine Antwort zu haben. Ich versuche keine unnötigen Fragen zu stellen, aber heute zum Beispiel musste ich nachfragen, ob wir ein Medikament wirklich ganz schnell absetzen wollen, was man so eigentlich gar nicht machen soll. Er hatte es so aufgeschrieben und mit dem Patienten vorgebahnt und dann war ich Diejenige, die das alles nochmal gestoppt hat, eine Mail mit einem „sorry für die kurze Rückfrage, aber...“ begonnen habe und dann wirklich ein „dann machen wir es gestaffelt“ zurück bekommen habe. Ob es ihn genervt hat, oder ob er dann auch drüber gestolpert ist, weiß ich nicht. Aber das sind alles so kleine Momente im Tag, die anstrengend sind. Ich bin schon Fachärztin, ich kann nicht blind das machen, was der Chef sagt. Und gleichzeitig will ich auch nicht so tun, als müsste ich alles hinterfragen. 

Und irgendwie hat ein seltsames Schweben begonnen. Die Tage sind, wie sie sind. Eher weniger schön und gleichzeitig wird die Situation hier noch ein paar Wochen oder Monate so bleiben, bis man finale Entscheidungen treffen kann. Und wenn ich sehe, wie glücklich ich in der Psychosomatik bei uns war, wie sehr es mich erfüllt hat, ein bisschen therapeutisch arbeiten zu können, dann macht mich das gerade sehr traurig. Ich sehe das alles aus der Beobachterperspektive, aber darf noch nicht dazu gehören. Und dann unterscheidet es die Arbeit gar nicht groß von der Neurologie. Klar – man macht etwas anderes und ich vermisse die Notaufnahme. Irgendwie ist es schwer sich darüber zu unterhalten, ob wir jetzt 5 mg Statin geben oder nicht und das eine Diskussion über mehrere Wochen wird. 
Und ich wusste, dass ich das einiges Tages werde, aber ich vermisse es auch nachts um 3 bei den Schwestern zu sitzen und noch einen Kaffee zu trinken und am nächsten Tag schlafen gehen zu dürfen, wenn alle anderen sich noch durch den Stationswahnsinn schlagen. 

Und manchmal weiß ich es nicht. 
Vielleicht ist das hier einfach die falsche Klinik für mich. 
Vielleicht ist es einfach der eine Umzug zu viel. 
Und vielleicht möchte ich so sehr einfach mal ankommen, dass dieser ganze Neuanfang eben gerade nicht richtig ist. Aber die Frage ist: Wo würde ich ankommen, wenn ich zurück in die Neuro gehen würde. Ist ja nicht so, als hätte ich tolle berufliche Perspektiven gehabt und einen Partner, mit dem zeitnah eine Familiengründung möglich gewesen wäre. 
Und vielleicht muss ich auch einfach noch ein bisschen durchhalten. 

 

Mondkind 

Kommentare

  1. Das klingt sehr anstrengend. Aber mal eine grundsätzliche Frage, wie unterscheidet sich denn am ende der Job von einem Arzt in der Psychiatrie/Psychosomatik, von einem anderen Bereich? Also klar logisch, gibt es verschiedene Fachbereiche etc. Aber aus meiner Erfahrung, haben die Ärzte in der Psychiatrie bzw. Psychosomatischen Abteilung halt leider nicht viel am Patentien gemacht. Maximal halt mal Tabletten oder Untersuchungen angeordnet und wenn du einen voll engagierten Oberarzt hattest, auch mal Einzelgespräche außer der Reihe mit ihm. Das ist wirklich nur eine frage, aber wie hast du dir das Ganze vorgestellt? Am ende hast du ja nicht Psychotherapie studiert etc. dann ist es ja leider zu erwarten das du vielleicht gerade weil du Fachärztin bist, vor allem für medizinische Sachen zuständig bist.. Würdest du dir ein Ultimatum setzen und sagen ok, wenn das im Monat x immer noch so ist dann ge ichzurück, da scheinen ja auch alle sehr viel von dir zu halten. wahrscheinlich ist es auch schwierig weil du grad zwischen zwei orten pendelst und keinen klaren cut machst

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  2. Ich arbeite als Psychiaterin im 2. Jahr in einer Klinik und dort mache ich ebenfalls Psychotherapie. Ich habe ein paar weniger Patienten als meine Psychologischen KollegInnen, weil ich noch die somatische Seite und Medikamente abdecke. Aber es gibt Kliniken, wo du sowohl in der Psychosomatik als auch in der Psychiatrie ärztliche Psychotherapeutisch arbeitest. Ist ja auch Bestandteil des Facharztes. Ich habe nur das Gefühl, du bist da an einer komischen Klinik gelandet. Auch in diversen Praktika hatte ich in der Psych immer ein sehr hohes Gefühl von Zusammenhalt im Team und Raum für „Socializing“.

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    1. Morgen zusammen,
      mein Plan wäre gewesen, dass es so läuft, wie es ja im zweiten Kommentar auch schon beschrieben wurde: Sprich, ich mache vorläufig erstmal beides. Langfristig habe ich zwar vor, mich auch aus dem medizinischen Teil mit einer eigenen Praxis irgendwann fast komplett zurück zu ziehen - so hat es auch eine meiner alten Oberärztinnen gemacht und ihr Konzept ist da so ziemlich das, was ich mir vorstelle - aber dass das jetzt im Klinikalltag nicht geht, ist mir schon auch bewusst. In der alten Psychosomatik an der ich war, lief es ja auch genau so: Ich hatte eine Gruppe, für die ich medizinisch und therapeutisch zuständig war. Diese Doppelrolle ist dann zwar auch oft nicht einfach, aber es war schon machbar und ich habe den Job damals auch sehr gern gemacht.

      Ich meine rein theoretisch soll es auch hier so ein, dass ich in einem nicht näher definierten "irgendwann" dann auch therapeutisch mit einsteige - das muss ja auch einfach so sein im Rahmen der FA - Weiterbildung - aber ich habe keine Idee, wie lange das dauern soll und ich kann jetzt nicht noch mal ein Jahr auf der Wartebank sitzen, denn da saß ich lange genug. Klar, das wissen die nicht und dafür können die nichts, aber es passt halt für mich dann trotzdem nicht. Ich denke nur, das ist deren Konzept hier und da wird es wenig zu verhandeln geben. Die haben auch einfach weniger Ärzte als Therapeuten und jetzt kommt noch eine Neue habe ich gehört - also die sind auch einfach therapeutisch gut besetzt. Das war ja damals bei uns in der Psychosomatik auch anders. Da gab es viel mehr Ärzte und wir mussten therapeutische Tätigkeit übernehmen, weil es sonst einfach nicht geklappt hätte. Manche mochten das nicht und hatten sich das anders vorgestellt.

      Aber cool, dass man scheinbar auch in der Psychiatrie so viel therapeutisch arbeitet. Das habe ich bisher selten gehört. Das wäre halt auch noch eine Exit - Strategie, vor allen Dingen auch weil ich merke, dass mir wirklich zwischendurch mal ein bisschen Action fehlt. In der Psychosomatik gibt es ja eigentlich keine Notfälle und wenn, werden die halt verlegt. Man kann da ja auch wenig machen, weil wir diagnostisch einfach nicht so die Möglichkeiten haben.

      Ja, ich habe mir vorgenommen, ich schaue mir das bis Ende des Jahres auf jeden Fall an und dann mache ich mir mal Gedanken. Ich meine - es war jetzt halt kein Umzug in dem Sinn, aber auch mit dieser Zweitwohnung, den neuen Möbeln, was da auch alles für Bürokratie dahinter hängt mit Ummeldung der Ärztekammern, Rentenversicherungen bis hin zu den Rundfunkgebühren, die man für eine Zweitwohnung unter Umständen nicht bezahlen muss - das ist alles immer noch nicht durch und das alles wieder rückgängig zu machen... puh. Ich habe das Gefühl ich muss auch mal ein bisschen zur Ruhe kommen und den nächsten Urlaub, der länger als drei Tage ist, nicht wieder für so etwas nutzen. Und die Frage wäre dann ja auch wohin dann. Ich könnte mich wieder ein paar Monate in die Neuro setzen - das ist schon vorbesprochen mit dem leitenden Oberarzt (das war es schon als Notfallplan bevor ich weg war, seitdem hatten wir keinen Kontakt), dass ich mich von dort aus neu orientieren könnten und die wüssten auch, dass ich nicht unbedingt bleibe oder halt doch versuchen in die Psychosomatik zu kommen, vielleicht haben die doch irgendwann eine Stelle am Standort. Aber da gab es jetzt einen Chefwechsel und die strukturieren super viel um; ich würde mir das gern noch eine Weile von außen ansehen, ehe ich mich da ins nächste Wespennest setze...

      Mondkind

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