Von einem Besuch, einem Brief und dem Ende von Weihnachten
Die Hände sind tief in den Jackentaschen vergraben.
Es ist nicht mehr dieselbe grüne Jacke wie die, die ich immer getragen habe, wenn ich bei Dir war und die Du auch noch kanntest. Die ist kaputt und außerdem ist es sehr kalt, deshalb habe ich eine dickere Jacke gewählt.
In der linken Tasche spüre ich die Autoschlüssel. Hätte es Möhrchen damals gegeben, hätte es Dir vielleicht das Leben gerettet.
In der rechten Jackentasche habe ich den Schlüsselbund. An dem nicht nur mein Haustürschlüssel ist, sondern auch der Türschlüssel des Kardiochirurgen. Wärst Du nicht gestorben, wären wir heute kein Paar. Dann hätte ich nämlich Dich behalten.
Neben Deinem Grabstein brennt die Kerze. Fünf Tage Brenndauer stand drauf. Das heißt, sie sollte Dich ins nächste Jahr begleiten. Auch dann noch brennen, wenn die Raketen am Himmel zerglühen und das neue Jahr eineiten. Ich habe die Kerze ein wenig in den Boden eingegraben, obwohl der gefroren und tatsächlich etwas gezuckert ist. Du hattest weiße Weihnachten, Du Schlingel. :) Ich hoffe, sie fällt nicht um.
Und auf Dein Kreuz habe ich den Anhänger mit „frohe Weihnachten“ gehängt. Das ist etwas spät, aber besser spät als nie sagt man doch, oder? Als wir den in der AGUS – Gruppe bekommen hatten habe ich gedacht, dass der beste Platz dafür bei Dir ist.
Eine Stunde stehe ich bei Dir. Bis ich komplett durchgeforen bin und zittere. Ich gehe zurück und muss nochmal umdrehen. Nochmal bei Dir vorbei. Bis dahin ist die Dunkelheit herein gebrochen. Auf dem ein oder anderen Grab leuchtet ein Licht. Unter anderem heute bei Dir. Egal wie viele Jahre vergehen werden – Du wirst nie vergessen werden, okay?
Die erste große Liebe bleibt für immer.
***
Hey mein lieber Freund,
den Tag nach Weihnachten auszuwählen für diesen Besuch – wobei aktiv ausgewählt war der nicht - war nicht besonders schlau. Zum Einen musste ich morgens noch ein wenig Schmuck für das Grab besorgen und einkaufen gehen, weil morgen ja schon wieder alles geschlossen hat, sodass ich generell spät los kam und zum Anderen waren die Straßen echt super voll. Das hatte ich nicht bedacht. Ich habe zwei schwere Unfälle gesehen, bei denen jedes Mal die Autobahn gesperrt war. Auf derselben Autobahn, aber jeweils auf der Gegenseite. Und als ich das zweite Mal am Unfall vorbei gefahren bin dachte ich mir, dass da doch noch jemand seine Finger im Spiel hat. Ein bisschen aufpasst. Dieser Gedanke, dass wir beiden Sensibelchen es in dieser Welt nicht geschafft hätten und Du vielleicht deshalb vorgehen musstest, um von Zeit zu Zeit mal ein paar Katastrophen von mir fern zu halten, ist schon fast so alt, wie Dein Tod. Wenn ich tagelang gar nicht geschlafen habe und im Dienst auf wundersame Art zwischen zwei und sechs Uhr morgens genau in diesen Nächten das Telefon nicht klingelt, dann weiß ich auch, dass Du da bist. Und heute bin ich dankbar, dass Möhrchen und ich ohne einen Unfall zu verursachen, oder in einen verwickelt zu sein, hin und zurück kommen. Auf dem Hinweg muss ich das Möhrli nämlich bei schlechten Lichtverhältnissen wirklich etwas über die Straßen treiben, damit wir noch bei Dir ankommen, bevor es dunkel wird.
Ich werde mich nie dran gewöhnen an dieses seltsame Gefühl, wenn uns nur noch ein bis zwei Meter trennen. Einer über der Erde und einer unter der Erde. Wir beide an den Rändern unserer Welt. Einer hier und einer im Jenseits.
„I've lost all my future memories“, ist ein Satz, der mich ein bisschen durch dieses Jahr begleitet hat. Was sind all diese Erinnerungen, die wir nicht mehr haben durften? Wie wäre eine unbeschwerte Mondkind? Wie wäre eine Mondkind, für die nicht jeden Tag das Sterben präsent wäre. (Und als der Kardiochirurg gestern sagte, er habe eine ganz schlechte Nachricht, dachte ich zuerst einer von seinen Großeltern wäre gestorben. Das ist immer das Erste. Immer).
Ich spüre die Schlüssel und denke an den Kardiochirurgen. Ich frage mich, was passieren würde, wenn Ihr beide Euch gegenüber stehen würdest. Ich glaube, Ihr würdet Euch nicht verstehen. Du würdest ihn nicht mögen. Allein weil „Mondkind, Du brennst irgendwann eh mit dem nächsten Kardiologen durch.“ Eine Ärztebeziehung wäre Dir zu abgehoben. Zu weit weg, von der normalen Gesellschaft. Und ein Chirurg, der meint dass er machen kann was er will, sowieso.
Denn ehrlich gesagt bin ich heute auch nur da, weil er zum 1000. Mal seine Dienste verkackt hat. Und weil im Urlaub davor die Abfahrt in den Schneeurlaub jeden Tag auf den Tag danach verschoben wurde, sodass ich da quasi festgekettet war. Und auch nicht zu Dir kam. (Also ja, ich hätte es auch irgendwann selbst aufgeben können, zumal Erfahrungswerte da ja auch nicht positiv sind, aber naja... man hofft ja doch immer). Ich finde ja, dafür wäre jedes Mal eine Entschuldigung fällig. Aber stell Dir mal vor, er würde mir dafür jedes Mal Blumen mitbringen. Dann könnte ich meinen Job aufgeben und Floristin werden, so oft wie das vorkommt. Oder er würde mich jedes Wochenende zum Frühstück einladen.
Aber ich habe Dir versprochen, ich komme dieses Jahr noch vorbei und ich bin sehr froh, dass ich es einhalten konnte. Auch, wenn es immer schwer ist, hier zu stehen. Wenn ich immer sage: „Ich komme noch dieses Jahr“ und dann wird es November oder Dezember, weil ich es so lange aufschiebe, wie es geht. Weil es beides sein kann. Viel Trost und viel Schmerz.
Bei Deiner Mum war ich aber nicht. Allerdings finde ich das sowieso immer etwas zwiespältig. Von Dir und von ihr habe ich immer viele verschiedene Versionen gehört und auch wenn es mir geholfen hat, das Bild etwas zu vervollständigen, verwirrt es mich auch.
Friedhöfe haben übrigens auch etwas friedliches – neben dem ganzen Schmerz, finde ich. Wirklich. Hier sind die Würfel gefallen. Hier muss man nicht mehr kämpfen. Um dieses Leben des anderen. Hier ist es verloren. Hier geht es nur noch darum, die Erinnerungen zum Leuchten zu bringen.
„Es tut mir leid“, sage ich Dir irgendwann. Es tut mir leid, dass ich Dich und uns verraten habe und es am Ende trotzdem nicht halten kann. Es war immer die Frage, ob es überhaupt möglich sein kann, eine neue Beziehung zu führen. Nachdem wir uns ja nie aktiv getrennt haben. Wir wurden getrennt. Aber die Liebe hat nie aufgehört. Wie kann man in einer Beziehung, die sich immer noch nach Liebe anfühlt, aber nicht mehr gelebt werden kann, noch jemand anderen haben?
Ich bin dankbar für den Exfreund, bei dessen Eltern ich heute auf dem Weg mehr oder weniger vorbei fahre. Die wohnen da eben einfach. Der Exfreund ist auch da über Weihnachten, ich habe ihm gesagt, dass ich unterwegs bin. Nur als Rettungsanker. Wir haben damals teilweise nachts um drei bei ihm in der Wohnung gesessen. Ich in seinem Sessel, er auf dem Hocker vor mir. Wenn ich nachts aufgewacht bin und fast nicht atmen konnte, weil ich mich so schuldig Dir gegenüber gefühlt habe. Diese Gespräche haben diese schweren Gefühle nicht beseitigt, aber sie haben mir irgendwie ermöglicht, die mehr zu akzeptieren. Denn ich wollte ja trotzdem noch eine Familie gründen. Ich hatte ja trotzdem noch Bedürfnisse. Ich wollte mein Leben immer noch mit jemandem teilen, ich wollte jemanden bei mir haben, mit dem ich meine Seele teilen konnte und ich wollte einen Mann fühlen können. Ich war doch noch keine 80.
Das Problem mit dem Kardiochirurgen ist, stelle ich fest, als ich da so bei Dir stehe, dass wir eindeutig am Ende angekommen sind. Als ich zuletzt in der Studienstadt war und er natürlich nicht mitkommen wollte, habe ich festgestellt, dass es mir so viel besser geht, wenn ich mein eigener Herr bin. Nicht den ganzen Tag warten auf etwas, das sowieso nicht passiert. Und ja, dann gab es diesen einen Thermentag und das sind jedes Mal die Tage, in denen Du ein bisschen Hoffnung schöpfst, die dich doch zum Bleiben überredet, erstmal, aber es bleiben einzelne Tage in mehreren Monaten und der Ärger ist beinahe täglich da.
Ich habe angefangen meinen Jahresrückblick zu schreiben. Da steht wortwörtlich drin, dass ich mir wünsche, nächstes Jahr im Winter in den Schneeurlaub zu fahren und dass ich mir wünsche, dass wir wöchentlich beim jeweils anderen wohnen. Das kann man genau so wieder rein schreiben.
Wie siehst Du denn das – wäre es okay, dass es am Ende eben nicht gut wird mit der Beziehung und ich trotzdem blöd zu uns beiden war? Wenn man wenigstens sagen könnte, es hätte sich gelohnt und ich wäre glücklich geworden...
Aber ja... - es gab keinen Winterurlaub, es gab kein gemeinsames Weihnachten. Es gab kein Sitzen unter dem Weihnachtsbaum mit Kakao und Marshmallows. Es gab keinen Weihnachtsfilm, den wir über die Feiertage mal hätten schauen können. Es gab kein gemeinsames Frühstück, es gab kein gemeinsames Weihnachtsessen kochen. Es wäre auch ein Anlass gewesen um endlich mal jemanden von seiner Familie oder seinen Freunden kennen zu lernen, aber auch das gab es nicht – die wissen nicht mal, dass ich existiere. Damit das auch nicht auffällt, wenn wir uns trennen, ich weiß schon, warum das so ist.
Weißt Du, was ich ein bisschen bereue? Da war ja noch das Revolverheld – Konzert. Am 21. Dezember. Aber nachdem der Kardiochirurg dann zwei Wochen Urlaub hatte im Dezember und ich ja auch noch in die Studienstadt wollte hatte ich mir gedacht, dass sich das einfach nicht mehr ausgeht mit Schneeurlaub, wenn ich die zwei Tage vor Weihnachten auch noch frei brauche und dass es mir wichtiger ist, mit ihm in den Schnee zu fahren. Denn Revolverheld war zwar unser beider Lieblingsband, aber wir waren ja nie gemeinsam auf einem Konzert. Das wäre etwas, das ich dann für Dich noch miterlebt hätte, sozusagen. Aber jetzt gab es halt nichts von beiden – wie so oft mit dem Kardiochirurgen.
Ich werde Anfang des Jahres nochmal nach in die Studienstadt müssen. Ich tu zwar immer so, als wäre alles okay, aber es ist nichts mehr okay. Ich habe es schon das letzte Mal bemerkt, als ich bei Frau Therapeutin war. Wenn alles was Dir wichtig ist, mit Deinem verdammten Gehirn für eine Stunde in Sicherheit zu sein ist und Du dafür einen Tag auf der Straße stehen würdest, dann sind wir ziemlich weit auf der schlechten Seite. Diese Erleichterung im Wartezimmer ist Fluch und Segen zugleich. Ich vermisse übrigens immer noch die Post – Therapie – Cafè – Dates. Die werde ich mein ganzes Leben vermissen. Das waren die allerschönsten Gespräche. Die Seele noch ein bisschen geöffnet, verschiedenste Blickwinkel auf die Situation und wir ganz hinten in der Ecke irgendeines Cafés – wenn es dringend war, haben wir es nicht mal vom Unigelände runter geschafft.
Ach übrigens – ich habe letztens mal nach dem Psychosomaten in der Studienstadt geschaut, bei dem ich mal kurz war – der hat jetzt eine eigene Praxis für Psychosomatik und macht nur Psychotherapie. Der wird noch mein Vorbild – so stelle ich mir das auch vor. Auch so und was ich Dir auch noch sagen wollte ist, dass Dein Lieblingspsychiater kürzlich seinen Kopf zur Tür herein gesteckt hat, als ich bei Frau Therapeutin war. Er war Dein Lieblingsarzt und er kennt Dich noch. Von allen Patienten, die er so hatte.
Aber ja – es ist auch viel los und ich hätte Dich jetzt gerade sehr hier gebraucht. Ich weiß, ich wollte unbedingt in den Ort in der Ferne, aber jetzt möchte ich eigentlich unbedingt gehen. Weg von diesem Neuro – Job, diesem Konzern, die es nicht schaffen eine Stelle in der PSK in näherer Zukunft zu schaffen und weg vom Kardiochirurgen, der meine Psyche systematisch kaputt macht. Aber weißt Du – ich habe Angst. Dass das jetzt so ein Schnellschuss ist. Die Kollegin bei der ich gestern war meinte, ich soll mir das gut überlegen. Denn es dauert ja auch wieder, bis ich irgendwo anders ankomme. Ich will nichts Falsches machen, aber ich habe das Gefühl, ich kann hier nicht mehr bleiben. Und manchmal fühle ich mich so, wie damals 2019. Als ich nicht wusste, wo ich eine Stelle finde, von der ich zumindest nicht das Gefühl habe, ich muss wieder aus dem Krankenhaus raus rennen, weil es sich so schrecklich im Krankenhaus anfühlt. Ein Ort, an den Du auch kommen kannst und der weit genug von meinen Eltern weg ist. Und damals hatte ich zumindest noch das Helfersystem im Hintergrund.
Und weißt Du, manchmal bin ich immer noch traurig darüber, dass ich es jetzt so weit geschafft habe und Du das nicht mehr erlebst. Dass Du mir nie wieder auf dem Sofa Klaus Grawe vorliest. Ich schwöre – diese Psychosomatik – Ausbildung wäre unsere beste Zeit geworden. Wir hätten uns beide dafür begeistert und abends zusammen mit Lektüre auf dem Sofa gesessen. Hast Du eigentlich echt gedacht, dass ich eines Tages den Neuro – Facharzt mache und dann wirklich immer noch den zweiten Facharzt machen möchte?
Aber wir rocken das schon, oder? Irgendetwas wird mir schon einfallen, oder? Ich achte ein bisschen auf meine Umwelt in der nächsten Zeit. Vielleicht willst Du mir etwas sagen. Einen kleinen Tipp geben. Oder mich fühlen lassen, dass ich nicht alleine bin mit der ganzen Situation.
Und ich sage das oft, aber ich sage es nochmal: Danke, dass wir ein paar Jahre gemeinsam auf dieser Erde hatten. Ich wäre ohne Dich in meinem Leben nicht der Mensch, der ich heute bin und mein Leben wäre – trotz all der Trauer – wesentlich ärmer und leister.
Halt die Ohren steif, okay?
Und ich versuche das nächste Mal zu kommen, wenn es ein bisschen wärmer ist. Und wir passen auf uns auf, okay?
Ganz viel Liebe in Richtung Universum
***
P.S.: Wer sich jetzt fragt, was hier eigentlich los ist und wie Weihnachten weiter ging: Der 26. lief dann nicht mehr so toll, wie die beiden Tage davor. Einfach, weil ich weniger abgelenkt war, weil ich das Gefühl hatte, da fehlt doch noch etwas, da soll doch noch etwas kommen, es ist doch schließlich Weihnachten, aber meinen wichtigsten Menschen sehe ich wieder überhaupt nicht.
Ich war dann nachmittags bei einer Kollegin und das war auch nett – allerdings ist ja gerade Weihnachten eine Zeit, in der Familien zusammen kommen und man eigentlich nichts unter dem Weihnachtsbaum bei anderen, eigentlich eher fremden Familienkonstellationen zu suchen hat. Mir macht da nie jemand Vorwürfe, aber für mich fühlt es sich trotzdem eher falsch an.
Ich habe mich dann damit getröstet, dass der Kardiochirurg und ich Weihnachten dann einfach am Wochenende „nachholen“, wobei das wahrscheinlich eher eingeschränkt möglich ist – er hat dazu schließlich auch nie ja gesagt, er wusste wahrscheinlich, dass das nicht gehen wird. Und manchmal liegt zwischen den Jahren dann doch eher etwas Hektik in der Luft. Weihnachten ist vorbei, einiges ist liegen geblieben, man muss schon wieder den Jahreswechsel vorbereiten, einige schmeißen den Weihnachtsbaum schon direkt nach den Feiertagen raus und – wie das Radio gestern betonte - „Wir spielen keine Weihnachtsmusik mehr, ab jetzt gibt es hier Partyhits.“ Ja, Danke auch.
In jedem Fall war die Weihnachtsüberraschung des Jahres, dass der Kardiochirurg dann am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht nur eine Stunde zu spät von der Arbeit kam, sondern auch, dass er mir sozusagen als kleines Weihnachtspräsent eröffnet hat, dass er noch einen Rufdienst übernommen hat. Am 27.12 dann. Das bedeutete gestern früh also wieder zeitig aufstehen, weil uns die Klinik schon halb 8 wach geklingelt hat und da das ja abzusehen war, hatte ich mir dann am Abend vorher schon überlegt, dass ich die Gelegenheit dann nutze, um den verstorbenen Freund besuchen zu fahren, weil das sowieso noch auf dem Zettel stand und nach dem eher katastrophalen Dezember – Urlaub, in dem er mich ja in seiner Unentschlossenheit bezüglich Urlaub und dem täglichen Verschieben mehr oder weniger hier festgesetzt hat, eben noch nicht passiert war. Zugegeben – ich hätte jederzeit mein eigenes Ding machen können, aber man hofft ja doch immer auf Zeit mit dem liebsten Menschen.
Und natürlich kam es, wie es kommen musste – heute Nacht um drei Uhr haben sie wieder angerufen, der Herr wird wahrscheinlich nicht vor Mittag hier sein und selbst wenn, wird er eher eine Leiche sein. Und ich auch – denn natürlich habe ich so viel im Hirn, dass an Schlaf nicht zu denken ist und der Kopf schon jetzt schmerzt nach den eher kurzen Nächten der vergangenen Tage. Denn obwohl Weihnachten dieses Jahr so lang war, wie es irgendwie sein kann, haben wir es fünf Tage nicht geschafft, in irgendeiner Weise Weihnachten miteinander zu feiern. Und es kann mir nach wie vor niemand sagen, dass man dafür ohne nachzufragen, einfach eingeteilt wird. Selbst mich hat die Pflege am 24.12 mehrfach angesprochen, ob nicht irgendwelche Kollegen aus anderen Kulturkreisen an Weihnachten arbeiten könnten - immerhin ist die Medizin bekanntlich ziemlich multikulturell, sodass man eigentlich oft wen findet, der es machen kann. Klar bei fünf Tagen frei müssen dann doch im Verlauf mal alle irgendwie ran, aber eben nicht durchgängig. Und wir arbeiten dann eben alle, wenn die anderen ihre Feste haben und das ist ja auch voll okay. Wenn Du nicht feierst, stört es Dich auch nicht an den Tagen auf der Arbeit zu sein.
Ich werde heute Morgen rüber fahren, bevor er kommt. Ich habe schon gestern gesagt, dass das wahrscheinlich jetzt das Ende der Beziehung ist. Und klar – Weihnachten ist auch immer emotional aufgeladen, das weiß ich schon. Aber sich einen Dreck um die Freundin zu kümmern, geht halt wirklich nicht. Dann noch irgendetwas zu erzählen von „Ja wir machen dann was am Wochenende“ und dann kommt am Freitagabend um 22 Uhr „Ja ich hab da noch einen Dienst übernommen.“ Was willst Du denn dann noch machen? Für Alternativpläne ist es dann ziemlich spät.
Auf dem Weg zum Freund bin ich übrigens auch bei den Eltern des Ex – Freundes vorbei gefahren. Also nicht, dass ich da aufgeschlagen wäre, aber man müsste drei Autobahnabfahrten vorher runter und dann noch kurz übers Land und dann ist man da. Und klar, dieses Weihnachten dort war auch nicht mehr schön, weil das Kind da ja auch schon den Brunnen gefallen war. Und manchmal denke ich mir: Trotz allem durfte ich das nochmal erleben, in Gesellschaft und mit Familie einfach drei Tage unter dem Weihnachtsbaum zu sitzen, die Zeit stand gefühlt irgendwie fast, weil es nicht nur ein paar Stunden waren, von denen man jede Minute aufsaugen musste, sondern ein kleiner Teil Unendlichkeit. Wir sind schon am 22.12 angekommen und erst am 26.12 abends wieder gefahren. Ich werde nie diesen Moment vor der Kapelle vergessen, den wir uns am 23.12 abends noch geschenkt haben. Wir waren noch alleine spazieren, sind ein bisschen aus dem Dorf raus gelaufen zu dieser Kapelle und dann standen wir dort unter dem geschmückten Tannenbaum und hatten uns im Arm. Und ehrlich gesagt – man kann sich sehr oft an die ersten Momente erinnern. An den ersten Kuss, die erste Übernachtung beim anderen, den ersten Urlaub – was weiß ich. Man weiß aber selten, wann das alles zum letzten Mal statt findet. Aber damals war es klar und auch wenn ich innerlich fast gestorben bin war klar, dass das ein Moment ist, den es für immer zu behalten gilt.
P.S.: Ich weiß nicht, ob es dieses Jahr einen Jahresrückblick geben wird. Ich hab schon angefangen, aber ehrlich gesagt, mehr als der Facharzt ist an nachhaltig guten Dingen jetzt auch nicht passiert. Das ist ein riesen – Step auf dem Weg zu meinen beruflichen Zielen, aber das kann man ziemlich kurz zusammenfassen. Wenn ich den schreibe, wird er mutmaßlich nicht bis zum Jahreswechsel fertig, weil ich emotional gerade ziemlich eingebunden bin (blöd, dass ich das jetzt im dritten Jahr so schreibe, aber schließlich war Weihnachten ja auch die letzten Jahre einfach nur beschissen und irgendein naiver Teil in mir denkt doch jedes Mal, dass es ja anders werden könnte und ist dann halt viel mit Emotionsregulation beschäftigt, wenn ich mit der Realität konfrontiert werde). Ich bin schon bis Februar gekommen – bis zum dem Tag, an dem der Kardiochirurg mich hat im Cafè neben meinem Haus hat sitzen lassen und tatsächlich muss ich da jeden Tag dran denken, wenn ich vorbei fahre. Bisher waren wir auch nur ein weiteres Mal dort, also viel mit „schlechte Erfahrungen überschreiben“ ist da an der Stelle halt auch nicht. Und das hat mich schon wieder so aggressiv gemacht, dass ich mir denke, dass ich wahrscheinlich platzen muss wenn ich fertig mit dem Jahresrückblick bin, weil es solche Situationen in verschiedensten Ausführungen das ganze Jahr über ja immer wieder gegeben hat. Keine Ahnung, ob ich mir das antun muss, ehrlich gesagt.
P.P.S: Ich weiß nicht, wie ich morgen diesen Dienst überleben soll. Ich hatte so viel frei im Dezember, aber ich konnte mich überhaupt nicht erholen. Gefühlt hat man nur gehofft und wurde dauerhaft enttäuscht. Irgnedwie bleibt da so ein Gefühl von: „Da war doch Urlaub geplant.“ Und doch wird es gehen wie immer. Einen Fuß vor den anderen. Stunde um Stunde. Mit einer sicher vollen Station, einer sehr langsam arbeitenden Oberärztin und einem Kollegen der dann morgen früh erstmal ins Dienstfrei geht, wird es bis 16 Uhr wahrscheinlich eher nicht so lustig. Und was danach kommt, werden wir sehen.
Und wisst Ihr, was ich mich manchmal wirklich frage: Ob ihn das in irgendeiner Form alles interessiert, wie es mir geht. Und ob's ihm irgendwann auch mal weh tut. Wahrscheinlich nicht, dann würde er das nicht seit zwei Jahren non - stop so betreiben..
Mondkind


Also kam der Kardiochirurge auch nicht zum gemeinsamen Weihnachten von dir und deiner Zwillingsschwester und ihrem Freund?
AntwortenLöschenDoch er kam, aber eben vier Stunden zu spät. Und ich weiß, dass ich da manchmal sehr absolutistisch bin, aber das kann doch nicht zu viel verlangt sein, auf einer einzigen Veranstaltung an diesen ganzen fünf Tagen mal pünktlich zu erscheinen und ohne Sonderberechtigungen dabei zu sein.
LöschenUnd das war dann auch wirklich ein schöner Abend noch und manchmal - befürchte ich - gehen die guten Momente in den ganzen ständigen Ärgernissen echt unter. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich bin derzeit manchmal echt überfordert von mir selbst und von diesem regelrechten Überflutungserleben an Wut, das dann kommt, wenn der Kardiochirurg wieder solche Dienste ums Eck bringt, wenn eigentlich fest vereinbart ist, dass er frei hat.
Mandy, wir kennen einander nicht, ich bin lediglich eine ärztliche Kollegin aus der Psychiatrie, die seit Jahren deinen Blog liest, und ich möchte, dass du Folgendes weißt: Es tut weh und es wird Zeit brauchen, bis es nicht mehr wehtut, wenn du dich für dich selbst entscheidest. Aber es ist vielleicht das Wichtigste, das du 2026 machen wirst. Bitte lass dich von diesem Menschen, der kein Stück investiert, nicht länger kleinhalten.
AntwortenLöschenIch sag's Dir ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass ich mal in so einer Beziehung lande und einfach nicht raus komme. Ich verstehe jeden Außenstehenden, der echt nicht mehr nachvollziehen kann, was ich hier eigentlich mache. Ich kann das selbst langsam nicht mehr.
LöschenUnd egal was man macht oder versucht, es endet immer wieder gleich. Ich habe dem Kardiochirurgen gestern auch gesagt, so lange wie wir nicht endlich mal unsere Themen in dieser Beziehung klären, ist das vorprogrammiert, dass es hier alle zwei Wochen spätestens kracht. Aber das hat jetzt wirklich Ausmaße, die neben einem normalen Alltag nicht mehr händelbar sind. Ich sehe ja sowieso nochmal meine Therapeutin Anfang nächsten Jahres, denke ich. Ich habe mir schon überlegt, ob ich den Kardiochirurgen und sie frage, ob ich ihn einfach mitbringen kann. Nicht weil ich glaube, dass man in einer Stunde viel klären kann, aber damit er vielleicht mal nachspüren kann, dass es nicht der Weltuntergang ist, wenn man anfängt über sich selbst zu reden. Aber das muss ich mir noch gut überlegen. So etwas kann ja schon auch ein Schuss in den Ofen werden - viel kaputt machen kann man aber eben langsam auch nicht mehr.