Von Chefgespräch und Bindungen

Die Wohnungstür ist nicht abgeschlossen. 
Das heißt, er hat sie einfach zugezogen. 
Als ich die Tür öffne, sehe ich den Schlüssel auf der Kommode liegen. Ganz vorne. Das blaue Bändchen, das immer daran hängt, oben drauf gelegt. 

Es war eine der Nächte, die man in diesen zweieinhalb Jahren an einer Hand abzählen kann.
In denen er hier geschlafen hat. Eigentlich sind das bisher immer Rufdienst – Nächte gewesen. „Nimm den Schlüssel mit morgen früh, damit Du auch mal rein kommst, wenn ich nicht da bin“, hatte ich ihm am Vorabend gesagt. Natürlich hatte in dieser Nacht das Telefon geklingelt. Das passiert immer zwischen zwei und drei Uhr morgens. Dann rast er los, nimmt auch den Schlüssel mit und kommt dann zwei oder drei Stunden später im Regelfall wieder. Legt sich wieder hin und kann morgens länger schlafen als ich, denn wer nachts geweckt wurde, muss frühs nicht auf die Arbeit. 
Aber wenn er dann geht, lässt er den Schlüssel immer hier.

Ich nehme ihn in meine Hand, ertappe mich beim Seufzen und lege ihn wieder in die Kommode. 
Er will ihn einfach nicht haben. So, wie er auch nicht will, dass wir unseren Alltag teilen. 
Es ist eine Fernbeziehung, obwohl wir nicht fern sind. Ein ständiges Aufeinander zu gehen und Verabschieden. Wir treffen uns nicht abends in einer Wohnung. Zumindest nicht regelhaft. Das ist abhängig von der Arbeitsbelastung, im Winter auch vom Wetter, von seinem Sport, von seinen Eltern, bei denen er auch noch dann und wann vorbei fährt. 
Und irgendwie ist dieses Pendeln anstrendend. Zwischen Nähe und Distanz. Immer wenn er kurz nah war, dann fehlt er besonders. 

***
Chefarztbüro.
Ich glaube, der Chef hat über die Jahre gelernt, wie er mich anpacken muss. 
„Mondkind – guck mal, in der Psychosomatik ist gerade viel Unruhe. Die Chefärztin geht, der leitende Oberarzt hat seine Weiterbildungsermächtigung verloren (No shit Sherlock, ich habe Freunde dort...) – ich weiß nicht, ob das jetzt gerade gut ist“, sagt er. „Ich weiß, aber es wird sich schon etwas Neues ergeben“, entgegne ich, obwohl mich diese ganze Unsicherheit dort gerade selbst etwas stört.
Und dann setzt er nochmal an: „Wir können Dich zu einer Top – Neurologin machen. Guck mal – Du kannst jetzt auf die Intensivstation gehen und machst Deine Intensivzusatzweiterbildung und nebenbei in den zwei Jahren kannst Du noch die Scheine für EEG, Elektrophysiologie und Doppler machen. Und dann hast Du alles was Du brauchst für Deine weitere Karriere. Und Du hast viel gearbeitet für diesen Facharzt – das solltest Du doch jetzt zu einem vernünftigen Ende bringen.“ „Naja, es geht da mehr um ein persönliches Interesse“, setze ich nochmal an. „Mich interessiert Psychotherapie einfach sehr und ich würde das gerne lernen.“ Und eigentlich sollte er wissen, dass die Intensiv – Zeit für mich eher Quälerei als alles andere war und warum der Intensiv – Oberarzt mich bis heute mag und mich in den höchsten Tönen lobt, erschließt sich mir definitiv nicht.
Wir kommen nicht so richtig weiter und reden ziemlich aneinander vorbei. Und ich verstehe seinen Punkt. Er kann nicht verstehen, wie jemand der so motiviert ist und ein wesentlicher „Motor dieser Neurologie“, wie er gesagt hat, jetzt woanders hin will. Und für mich, die aus diesem „Höher – schneller – weiter – Umfeld“ kommt, ist es hart sich dagegen abzugrenzen. Neurofacharzt reicht in der heutigen Zeit grundsätzlich nicht mehr, aber für meine Zwecke somatisch genügend drauf zu haben, reicht es eben doch. Ich weiß schon, dass das mit viel Aufwand und finanziellen Einbußen verbunden ist. Natürlich könnte ich auch Psychotherapie weiterhin in meiner Freizeit lesen, aber wenn man doch Interesse und Beruf verbinden und davon gut leben kann – wieso denn nicht? 
Und dann bringt er das Argument, das mich natürlich irgendwo auch wieder berührt. „Mondkind guck mal – Du wirst hier von allen sehr geschätzt. Niemand lässt Dich hier hängen. Wir sind alle wie eine große Familie.“ Das Klima hat sich schon geändert, aber tatsächlich war das damals, 2016 – 2018, als ich immer wieder hier war für Praktika einer der Faktoren, die mich hier haben festwachsen lassen. Dieses familiäre Arbeitsklima. Damals habe ich glaube ich so ziemlich gar nichts begriffen, aber aufgehoben zu sein in einer Gemeinschaft war etwas, das mir damals sehr gefehlt hat und das mir heute immer noch fehlt – vielleicht sogar noch mehr als damals. Der verstorbene Freund Freund hat sich damals manchmal sehr angegriffen gefühlt, wenn er gemerkt hat, dass es einfach nicht gereicht hat, dass er da war. Natürlich wollte ich Beziehung und Partnerschaft, aber ich wollte eben auch fester Teil einer kleinen Gemeinschaft sein und das war eine andere Ebene. Das hat er nie verstanden und die meisten Menschen um mich herum auch nicht. Aber nachdem diese Ursprungsfamilie so dramatisch auseinander gebrochen war, nachdem das mit einem großen Knall passiert war und man das gar nicht vorbereiten konnte - es gab keinen Abschied von dem Konstrukt Familie - und es trotz jahrelanger Versuche kaum eine Annäherung zwischen allen gegen konnte, bin ich da echt drauf angesprungen. Vielleicht eben, weil da immer noch etwas gefehlt hat. Weil es nicht rund war. Weil keine Zeit war, sich aus diesem Familienkonstrukt bewusst zu lösen. Und ich weiß, ich würde meine Neuro – Familie vermissen. Sehr sogar. Mit den meisten bin ich nicht eng befreundet, aber sie waren meine soziale Struktur der letzten sechs Jahre. Und doch kann ich meine berufliche Karriere an so etwas nicht fest machen. Das weiß ich, aber das Gefühl würde das manchmal gern ausklammern.
Der Chef will erstmal nichts machen. Er will erstmal, dass ich nachdenke. Und dann sprechen wir nochmal, sagt er. Es zieht sich also vorläufig noch weiter.
Und ich denke mir, es ist einfach so, so anstrengend. Weil dieser Wunsch, eher in Richtung Psychotherapie zu gehen für alle Menschen um mich herum so abwegig ist und weil ich gefühlt jedes Mal wenn ich laut sage, gegen Fluten und Stürme kämpfen muss. Es wurde schon damals in der Familie nicht akzeptiert – möglicherweise hätte ich dann ja nicht Medizin studiert – und es wird heute eigentlich immer noch nicht akzeptiert. Nur sollte ich heute weit genug sein, für mich einzustehen. Auch, wenn ich damit andere enttäusche. 

Da gab es einen Wintereinbruch Anfang der Woche...⛄

***

Heute. 
Ich gehe nach Hause. Gar nicht mal so spät. Wir kriegen den Noro – Virus einfach nicht in den Griff und deshalb gibt es aktuell einen weitestgehenden Aufnahmestopp auf der Station. Wir entlassen nur noch.
Irgendwie kommt mir ein Morgen im Dezember 2022 in den Sinn. Als der Kardiochirurg und ich uns erst ein halbes Jahr kannten. Es war kein Schnee angekündigt gewesen und umso überraschter war ich morgens, als ich den Kopf vom Kissen gehoben habe. Direkt aufgeregt war und geplant habe, was wir alles im Schnee machen könnten. Damals war er noch irgendwie ein bisschen mehr dabei. Wir haben dann erstmal einen langen Schneespaziergang gemacht und ich kam gar nicht auf die Idee, dass es auch anders sein könnte. 
Ich weiß, heute würde es diese Situationen nicht mehr geben. Ich würde aufwachen und würde mir trotzdem einen Schneespaziergang wünschen. Und ich wüsste, dass ich vehement auf so etwas bestehen müsste; solange, bis ich fast keine Lust mehr darauf habe, wenn ich so um etwas kämpfen musste. Ich würde sofort im Kopf haben, was er alles tun können wollen würde. Paragliden im Schnee, erstmal einkaufen, in die Klinik laufen und irgendetwas erledigen und wie ich meinen Wunsch da wohl auch noch unterbringen kann. 
Und irgendwie trifft es hart. Diese Erkenntnis von „es ist einfach vorbei.“ Und man denkt immer, man bräuchte doch nur ein bisschen Zeit. Und dann kommt eine Woche, wie diese jetzt gerade. Bis zum Wochenende hat keiner von uns Dienst. Nicht mal einen Rufdienst. Einer könnte mal probeweise beim anderen wohnen. Aber irgendwie finden wir trotzdem nicht zueinander. Und dann realisiert man: Es liegt eben nicht an der Zeit. Die Zeit ist eine Ausrede. Eine Willkommene in unserem Job. Weil sie oft stimmt. Weil sie keiner hinterfragt. 

Und ich denk wieder an meine Hospitation. Mittlerweile habe ich sogar schon ein Hotel gebucht. 
Es gibt dieses Stimmchen im mir. Das spricht, dass es mich wahrscheinlich enorm weiter bringen würde, nochmal weiter zu ziehen. Eben wesentlichen gestärkter als damals. Mit sehr viel mehr Selbstbewusstsein. Mehr auf dem Weg, auf dem ich eigentlich sein wollte. 
Und ich denk an all die Menschen, die ich vermissen werde und von denen ich weiß, dass ich das nicht abhängig machen soll. Alle Menschen, die mich hier groß gemacht haben. Die aber eben auch in vertikalen Beziehungen waren. Und diese Menschen können eben auch jederzeit gehen. Wie meine Psychosomatik – Oberärztin. Ihr Lebensweg hat sie woanders hin getragen und unsere Verbindung war eben nicht eng genug, um weiterhin ein Teil davon zu sein. Ich denk an meinen Intensiv – Oberarzt, der bisweilen ein bisschen Papi – Ersatz für mich ist. Ich würde ihn schrecklich vermissen und gleichzeitig weiß ich: Auch er ist eine vertikale Beziehung und auch er könnte sich jederzeit für einen anderen beruflichen Weg entscheiden. Ich würde auch – so sehr ich ihn auch manchmal verfluche, weil er mir im Februar schonmal sieben Spätdienste auf seiner Stroke gegeben hat – meinen ehemaligen ZNA – Oberarzt und jetzigen Stroke – Oberarzt vermissen. Wir haben eine distanziere Beziehung, aber ich habe ihm einen wesentlichen Teil meines heutigen beruflichen Selbstbewusstseins zu verdanken und wenn er etwas von mir will, dann mache ich das meistens. Nicht weil ich muss, sondern weil ich es einfach möchte. 
Und gleichzeitig sind solche Bindungen in der Konstellation wahrscheinlich nicht für die Ewigkeit. Auch, wenn es immer weh tut, so etwas wieder zu verlieren, weil es die immergleiche Wiederholung ist von etwas, das ich doch schon kenne.

Und es wäre ein Träumchen irgendwann solche Menschen in meinem privaten Umfeld zu finden, die dann auch bleiben können. 

Mondkind

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Drittes Staatsexamen - ein Erfahrungsbericht

Ein kleines Review des PJs und Prüfungskomission fürs m3

Über Absprachen