Auf zu neuen Ufern?
Vielleicht hatte ich vor allem das jetzt kommen wird genau so viel Angst, wie ich auch Hoffnung hatte.
Dass ich am Abend um 22:10 Uhr die Bewerbung über das Onlineportal hochlade und mich am nächsten Morgen um kurz nach 11 Uhr die Sekretärin anruft und ausrichtet, dass der Chef gern einen Termin mit mir machen würde, ist ein fraglicher Luxus. Viel Verzweiflung bei einer der führenden Psychosomatiken in Deutschland? Oder ein fragliches Glück, das ich da gehabt habe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Dinge wiederholen sich.
Ob das damals wirklich eine bewusste Entscheidung war, ein echtes Ja war in den Ort in der Ferne zu gehen, weiß ich nicht. Der Preis war hoch. Die Ungewissheit, ob das alles so klappen würde, war immens. Ich wusste, dass ich erstmal Menschen zurücklasse, die mir sehr am Herzen liegen.
Aber es gab auch keine andere Wahl mehr. Die Situation in der alten Heimat war so untragbar geworden, dass ich erstmal weg musste. Und damit eben nicht nur von den Menschen, mit denen es schwierig war, sondern auch von allen anderen.
Man kann mir fehlende Abgrenzungsfähigkeit vorwerfen. Mit der ich die Menschen hätte behalten können, die bleiben sollen und eine Grenze hätte ziehen können zu den Menschen, mit denen es zu schwer geworden war.
Aber darin war ich noch nie gut.
Darin bin ich bis jetzt nicht gut. Das muss ich noch lernen.
Mehr als sechs Jahre danach stehe ich an einem ähnlichen Punkt.
Ich gehe nicht gern von hier weg. Ich habe hier doch ein Stück Heimat gefunden. Und so schwer dieser Job auch manchmal war und ist – ich durfte hier nicht nur fachlich, sondern auch persönlich wachsen. Wenn ich die Mondkind sehe, die Angst bekommen hat sobald sie nur einen Fuß in die Notaufnahme setzen sollte und die Mondkind von heute, die wie selbstverständlich zu den Notfällen rennt und meistens das Richtige tut – dann sind das zwei Versionen von mir, die überhaupt nicht mehr miteinander vergleichbar sind. Und dafür bin ich dankbar. Und für all die Menschen, die mich hier auch groß gemacht haben. Die ich vermissen werde, egal wohin ich gehe. Weil viele von denen keine Freunde sind, die ich nochmal dann und wann besuchen werde, sondern Bekannte, die gedanklich bleiben werden, aber eben nicht in der Realität.
Am Zenit von etwas angekommen zu sein, ist immer genauso viel Ruhe und Stolz, wie es irgendwann auch Verzweiflung ist. Heute bringe ich den neuen Kollegen Lumbalpunktionen bei, versuche ein paar von den Dingen weiter zu geben, die mir geholfen haben. Das macht mir Spaß, aber ich weiß, dass es nur noch kurz so sein wird. Und dass ich auch bald wieder als unwissende Psychosomatik – Assistentin herum laufe und es wieder einige Jahre dauern wird, bis ich auch in dem Fach wieder gewachsen bin.
Ich habe mir oft die Frage gestellt in den letzten Monaten, ob es denn keine andere Lösung gibt, als von vorne anzufangen. Nochmal, nachdem ich so gehofft habe endlich mal einen Ort und einen Platz zu finden, an dem ich bleiben kann.
Ich laufe morgens jeden Tag den Berg hoch zur Klinik. Und neben jedem Auto, was dort hoch fährt und das ich schon erwarte, während ich laufe, sehe ich auch jeden Tag dieselben Menschen. Einen der Notaufnahmeoberärzte, der mich jeden Morgen erst im Auto überholt und den ich dann oben aussteigen sehe und mit dem Sohn auf dem Arm in Richtung Kindergarten laufen sehe. Und einen Anästhesie – Oberarzt, der jeden Morgen mit seiner Tochter kommt. Manchmal trägt sie diese Schuhe, die bei jedem Schritt leuchten, aber immer läuft sie neben ihrem Papa, den Arm nach oben gestreckt und hält mit ihren kleinen Fingern Papas Hand. Wenn die beiden es sehr eilig haben, trägt er sich auch manchmal. Und eine Internistin mit ihrem Kind sehe ich auch fast immer.
Und immer denke ich dann an uns. An den Kardiochirurgen und mich. Ich denke dran, dass wir jetzt zwar ein Mal bei der Therapeutin waren und dass sie mich schon eindrücklich gewarnt hat, dass sie es so einschätzt, dass das mit der Kommunikation wohl eher nicht besser wird, wenn wir nicht kontinuierlich zur Paarberatung gehen, bis das ein Mal läuft und ich doch gehofft habe, dass ihre Erfahrung sie trügt. Das war ein gutes Gespräch – insgesamt; aber danach ist nichts mehr passiert. Ich denk daran, dass ich jedes Mal betteln muss, dass eine Übernachtung unter der Woche überhaupt möglich ist und jedes Mal realisiere ich, dass ich eigentlich keine Lust habe um Partnerschaft zu betteln und ich es dann nicht mal genießen kann, wenn er zähneknirschend einwilligt. Wenn der andere im Grunde keine Lust hat, fühlt es sich auch nicht gut an. Ich überlege dann, ob es das nicht mal irgendwann gegeben hat, dass wir Arm und Arm und ohne Handy und ohne „ich muss noch eine Mail schreiben“ eingeschlafen sind. Und dann weiß ich nicht, ob das eher meine Wunschvorstellung ist, oder ob das wirklich so war, aber möglicherweise gab es das in den ersten Monaten. Dann nicht mehr. Schon sehr lange nicht mehr. Und nie regelmäßig. Damals dachte ich, das kommt noch, wir kennen uns ja noch nicht lange. Aber das hat wahrscheinlich nie etwas damit zu tun gehabt.
Ich denke daran, dass Partnerschaft eher anstrengend geworden ist. Egal was ich vorschlage, es geht nicht. Weil „Mondkind, Dir macht Fitnessstudio ja eh keinen Spaß. Das macht man nicht zum Spaß, sondern weil man muss“ (- und ich beschließe, dass das nichts für Dich ist). Weil „Mondkind, ich muss ja noch zum Sport, ich kann kurz vorbei kommen, aber dann muss ich weiter.“ Ich bin ständig nur damit beschäftigt auf ihn zu warten oder aufzupassen, dass er nicht auf meinem Sofa einschläft und wenn doch, dann bin ich sowieso auch schuld, weil „wir liegen ja sowieso immer nur auf dem Sofa herum.“ Ja Kumpel – was willst Du machen, wenn wir uns regelhaft erst um 21 Uhr sehen. Ich mach da nix mehr. Und wenn man dann den ersten Freitag in diesem Jahr mal gemeinsam frei hat dann kommt: „Ja, ich müsste aber schon zu meinen Eltern fahren.“ Ja Hallo – fällt Dir was auf? Hattest Du nicht zwei Freitage hintereinander dafür Zeit? Dann nimm mich halt mit, aber dass ich seine Familie mal kennen lerne in diesem Leben, das glaube ich ja schon nicht mehr.
Und dann wird meine Aufmerksamkeit wieder auf die Mütter und Väter mit ihren Kindern gelenkt. Und ich realisiere, dass wir ganze Universen von so einer Zukunft entfernt sind. Dass ich, wenn ich hier bleibe, niemals mit einem Kind auf dem Arm hier entlang laufen werde.
Ich weiß, dass viele Dinge in meinem Leben Träume geblieben sind.
Solange wie ich noch in der Studienstadt war habe ich gehofft, dass die Familie sich doch wieder versöhnen kann. Nicht, dass meine Eltern wieder zusammenkommen, oder so – das nicht. Aber, dass man mal zum Kaffee am Sonntag aufschlagen kann, dass eine erwachsene Eltern – Kind – Beziehung möglich ist. Und irgendwann habe ich realisiert, dass dieser Wunsch so stark und gleichzeitig so weit weg von der Realität ist, dass ich mich werde davon nicht lösen können, wenn ich das nicht auf irgendeine Art verunmögliche. Und dann bin ich gegangen. Es war dann irgendwann so automatisiert. So ein „ich mache mal noch mein PJ in der Ferne und wenn ich dann vielleicht irgendwie einen viertelsten Fuß dort auf den Boden bekommen habe, vielleicht mache ich es dann einfach.“ Und dann ging es einfach nur noch vorwärts. Peu à peu, bis es eben irgendwann eine Entscheidung war.
Ich werde am Kardiochirurgen hängen, solange ich hier bin. Ich werde alles versuchen möglich zu machen, weil mein Gehirn zwischen Wunschvorstellung und Realität manchmal nicht gut unterscheiden kann. Warum soll etwas plötzlich klappen, das bald drei Jahre nicht geklappt hat und für das es vom anderen auch absolut keine Bereitschaft gibt? Wir werden nicht mehr Arm in Arm einschlafen, es wird keine Intimität mehr zwischen uns geben, das ist schon bald ein Jahr mehr oder weniger fast eingeschlafen. Wir werden keine Kinder zusammen groß ziehen können, weil nicht mal ich mich auf ihn verlassen kann – wie soll da noch ein Kind Platz haben? Es wird vorerst nur eine Möglichkeit geben: Gehen.
Ich bin schon viel gewachsen und ich bin dankbar, dass ich heute hier bin. Die Psychiater haben mich ja zwischendurch nicht so im Arbeitsleben gesehen und heute habe ich sogar einen Facharzt. Aber wenn es ein großes Ziel für die Selbsterfahrung gibt, dann wäre es genau solche Situationen vor Ort lösen zu können. Nicht gehen zu müssen, weil dieser Wunsch, diese Sehnsucht so stark ist, weil ich endlich mal irgendwo hin gehören und bleiben möchte, dass ich alles andere dafür komplett ausblende.
Und jetzt gerade ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich dabei bin, mich auf den Weg zu machen. Auch wieder so etappenweise. Eine kleine Idee damals in der Studienstadt, kurz vor Weihnachten mit meinen Freunden. Ein „wie wäre es denn, wenn ich gehen würde? Vielleicht würde es mir besser gehen?“ Dann erstmal recherchieren. Damit kann man jederzeit aufhören. Dann Bewerbung schreiben. Die muss man ja noch nicht abschicken. Dann doch abschicken. Hospitationstermin vereinbaren. Vielleicht ist es ja doch nicht so gut dort. Vielleicht gefällt mir das Konzept nicht. Und danach ist es nur noch ein Schritt. Von Vielen. Der dann endgültig die alten Zöpfe durchschneidet und die Zelte abbricht. Und das wird hart. Sicher mal wieder eine der härteren Entscheidungen in meinem Leben. Ich werde das mehr als ein Mal bereuen. Ich, als sicherheitsliebender Mensch, für den Verlässlichkeit eines der obersten Güter ist. Und gleichzeitig ist es glaube ich die einzige Chance auf horizontale, gleichwertige Partnerschaft, echte Liebe und irgendwann Familie. Es gibt keine Garantien. Die gibt es nie. Vielleicht finde ich die nächsten Jahre keinen Freund. Aber zumindest habe ich die Chance, dass es gut wird, die ich hier nicht mehr habe. Nebeneinander eingekuschelt einzuschlafen, ist das absolute Minimum in einer Beziehung. Und das hat an bestimmt über 95 % der Tage nicht statt gefunden. Und eines der dann übergeordneten Ziele ist Familie.
Und irgendwie denkst Du immer: Vielleicht rafft er es noch. Vielleicht kann er ein Mal zeigen, dass es ihm auch wichtig ist. Vielleicht kann ich ein Mal wichtiger sein, als sein Sport – oder wenn, nimmt er mich halt mit. Wie oft habe ich gefragt, ob ich beim Fallschirmspringen zuschauen kann? Vielleicht kann man ein Mal ein Wochenende, wenn es denn alle paar Monate schon mal eins gibt, in uns investieren. Vielleicht muss dann nicht gleich wieder als Einschränkung kommen „ja, aber meine Eltern…“ Chill bei denen, wenn ich Dienst habe... Vielleicht können wir einfach mal wieder einen Date – Abend machen. An dem wir einfach mal ausgehen. Vielleicht können wir endlich mal dieses „einer pennt eine Woche beim anderen Modell“ ausprobieren.
Vielleicht. Aber das denke ich seit bestimmt zwei Jahren täglich am Stück. Ohne Bewegung. Ich hab alles versucht. Aber es hat auch alles nichts genützt.
Mondkind

Mandy, du darfst Angst haben vor der Ungewissheit. Aber ich verspreche dir: Es kann nur besser und leichter werden, wenn du dich für dich, deine Bedürfnisse, deine Wünsche einsetzt. Ich wünsche dir von Herzen, dass dir dies tatsächlich gelingt - und du frei sein wirst.
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