Vom Bleiben im Gehen

Donnerstagabend. 
Es ist der letzte Abend, an dem wir irgendetwas hätten besprechen können. Und auch, wenn ich nicht wirklich daran glaube, dass wir uns als Paar nochmal damit auseinander setzen, was ein Jobwechsel in eine Stadt etwa 200 Kilometer von hier entfernt bedeuten würde, hoffe ich doch, dass es statt findet. Es muss ihn doch interessieren. Es geht doch uns beide etwas an. Es wird diese Beziehung verändern. Auf irgendeine Weise. 
Aber statt einer Auseinandersetzung schläft dieser Mensch, der kürzlich noch postuliert hat, er habe nichts mehr von seinem Tag, wenn ich um 22 Uhr ins Bett möchte, straight auf meinem Sofa ein. Da ist nichts mehr zu wollen. 

Freitag. Dienst.

Es gibt Momente, in denen glaube ich ans Universum. Ich kann viel arbeiten in diesen Diensten und manchmal mag ich das sogar. Aber nicht heute. Mein Kopf dröhnt seit Tagen, ich mache alles nur noch mit halber Konzentration. Ich bete, dass es ruhig bleibt. Und es bleibt ruhig. Zwar kommen kleckerweise doch Patienten und somit beschränkt sich mein Schlaf auf 1,5 Stunden, aber es macht doch einen Unterschied, ob man dazwischen nur rennt und nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, oder einfach in Ruhe alles abarbeiten kann.
Der Kardiochirurg hat an diesem Tag nicht gefragt, wie ich mich jetzt entschieden habe. Weder hat er angerufen, noch hat er ein whatsApp geschickt. Dabei musste heute eine lebensverändernde Entscheidung getroffen werden. Am Abend sehen wir uns kurz, bevor ich nach Hause gehe und ich spreche ihn sofort darauf an. Und statt einer Antwort kommt nur „Ich habe Stress zu Hause.“ Ja – das hast Du aber die letzten Tage auch nicht gesagt. Ich kann nicht hellsehen. Immer noch nicht. 
Und ich sage noch nicht, wie das ausgeht, weil ich noch eine Rückmeldung von denen brauche. Ich habe gehofft, die kommt dann noch vor dem Wochenende, aber wahrscheinlich wird es nächste Woche. 

Und dann geht er einfach. Wollte sich nochmal melden am Abend, aber ein gute Nacht höre ich nicht mehr. 
„Ich kann Deine Enttäuschung gut verstehen. Vielleicht macht es das Ganze ja noch ein bisschen klarer“, schreibt die ehemalige Psychosomatik – Oberärztin, die ich ein bisschen über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden halten sollte. 
Dienst mit Tränen in den Augen ist uncool. Wenn das Telefon nämlich klingelt, dann musst Du rennen, egal wie Du aussiehst. Und ich war gestern Abend sicher nicht richtig dienstfähig. 

Und es gibt Momente, die fühlen sich so intensiv, so echt und roh an, dass Du weißt, dass die jetzt etwas ändern. Auch, wenn es ähnliche Situationen auch oft davor gab, aber diese hier, jetzt gerade, die ist so intensiv, dass sie etwas bricht. Eigentlich sollte man vom Partner erwarten, dass er sich in erster Linie interessiert für solche wichtigen Entscheidungen. Aber von allen involvierten Menschen ist er derjenige, der irgendwie mit am Wenigsten dazu gesagt hat. „Ich habe so langsam das Gefühl, das Fass mit dem Freund ist allmählich voll und langsam sieht das mal nicht nur mein Umfeld, sondern auch ich. Und ich war schon super enttäuscht. Es verletzt mich schon arg, dass Jemand da so desinteressiert ist“, schreibe ich zurück. 
Und eigentlich ist es egal, ob es Überforderung, Vermeidung, ein Fehlen von einem Gefühl dazu oder was auch immer ist: es enttäuscht mich. Und mehr muss ich eigentlich erstmal nicht wissen. 


Samstag
Der Dienst endet mit drei Patienten, die Punkt um 10 Uhr die Notaufnahme betreten. Ich biete an, mich noch um einen zu kümmern, damit der Dienststart für die Dienstärztin nach mir nicht so blöd los geht, aber der Hintergrund, der zur Übergabe auch vor Ort ist, besteht darauf, dass ich nach Hause gehe. 
Ich gehe aber nicht nach Hause, sondern darf im Dienstzimmer der Kardiochirurgie – heute hat nämlich der Freund Dienst – warten, bis der Intensivoberarzt fertig ist mit seiner Visite. 

Dieses Gespräch war ein bisschen wie Pokern. Ich wusste, dass es eigentlich zu spät ist, aber wir haben es leider nicht geschafft vor dem Wochenende und ich wollte hauptsächlich nochmal Orga – Aspekte ansprechen, die mich beschäftigen. Nach dem letzten Dienst hätte ich auch warten können, aber da war ich wirklich so am Ende und hatte keine Rückzugsmöglichkeit in einem Dienstzimmer, dass ich am Mittwoch schon kurz vor 10 gegangen bin. Man hatte mich schon heim geschickt, weil ich einfach dermaßen erledigt war – wo hätte ich bleiben sollen bis 13 Uhr? Und am Donnerstag musste ich plötzlich die Nachbarstation alleine machen wegen akuter Personalnot – da hatte die Idee mit dem Gespräch in der Mittagspause auch nicht geklappt. 
Er ist eher der Pragmatiker und hier ging es mir nochmal darum, konkrete Schritte zu besprechen. Wie mache ich denn das mit der Wohnung? Ist es legitim die Wohnung hier erstmal zu behalten, falls es doch nicht funktioniert? Aber wie soll ich denn zwei Haushalte haben? Abgesehen davon, dass es eine doch nicht zu unterschätzende finanzielle Belastung ist – aber ich brauche dann ja auch einige Dinge einfach doppelt. Er sagt, er hat in seinem Leben schon einige Male seinen Job gewechselt und er hat nie direkt alle Zelte am alten Standort abgebrochen. Man weiß ja nie hundert prozentig auf was man sich da einlässt und er hätte es als viel entspannter erlebt, da noch ein Backup zu haben und im Bedarfsfall den Status quo wieder einigermaßen herstellen zu können. Denn auch wenn die Kliniken einem das Blaue vom Himmel versprechen – man weiß nicht, ob das am Ende auch so ist und mit der Zeit dürfe man auch Ansprüche an seinen Arbeitsplatz und für seine Ausbildung entwickeln, ermahnt er.

Ehrlich gesagt – ich glaube über die Jahre habe ich ein bisschen das Vertrauen in mich selbst verloren. Mein erster Impuls war auch, das so zu machen. Wie sich das dann umsetzen lässt – ob ich erstmal in eine Psychologen – WG einziehe, wie der Chef es vorgeschlagen hatte, oder vielleicht für ein paar Monate eine Personalwohnung bekommen kann, oder vielleicht auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt einfach eine mobilierte Miniwohnung finde, das wird man ja noch sehen. Aber ich hatte einfach Sorge, dass dieses Konzept wieder auf übertriebene Mondkind – Sorgen zurück zu führen ist und das einfach niemand so machen würde. Es hat mir sehr geholfen zu erfahren, dass andere da ähnliche Überlegungen angestellt haben und zu ähnlichen Ergebnissen und Handlungen gekommen sind. 
Und dann berichtet er ein wenig über seine Erfahrungen mit diesen Umzügen für den Job und ich fühle mich gar nicht mehr so alleine. All die Ängste und Sorgen die ich habe, sind wohl ziemlich normal. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Fast jeder hat unangenehme Gefühle, wenn er alte Gewohnheiten aufbrechen soll. Selbst dann, wenn er das eigentlich will.“
Er kennt auch die Gegend, in die hinziehe gut. Er hatte da mal Familie. „Ich habe mir das mal auf der Landkarte angeschaut wo Sie dann eigentlich sind.“ Das löst etwas aus, dass sogar er sich Zeit nimmt nachzuschauen, wo ich dann bin. 

Ich erkläre nochmal mein Konzept, dass ich mir mittlerweile überlegt habe, erstmal ein bisschen Verhaltenstherapie zu lernen, um den Patienten auch konkrete Hilfen an die Hand geben zu können. Und sicher ist irgendwann auch Zeit und Gelegenheit zu fragen, woher denn die Erkrankung kommt und da braucht man sicher Tiefenpsychologie und eine Menge Biographiearbeit und das Beleuchten der Beziehungen im Leben. Das möchte ich auch lernen, aber das ist vielleicht der zweite Schritt. Wenn es mich wirklich im Verlauf so begeistert, dann werde ich das schon schaffen – auch, wenn ich mir da natürlich einiges vorgenommen habe.
Und auch wenn er Intensivmediziner ist und in den ersten Gesprächen glaube ich auch nicht verstanden hat, warum ich jetzt Psychotherapie machen möchte und dachte, ich möchte mir mein Leben einfacher machen (also ja; es sollte einfacher werden, wenn ich endlich mal das mache, was mir Spaß macht, aber an der Stelle gibt es ja viele Vorurteile und einige meinen, man könne den Workload da reduzieren), hat er jetzt glaube ich verstanden, dass es ein persönliches Interesse ist. Er merkt wie ich aufblühe bei den Themen und unterstützt mich da. 

Und dann – dann geht es um eine sehr wichtige Frage. „Wir bleiben dann ja trotzdem im Kontakt“, sagt er. Ich wollte es nicht ganz so konkret fragen, weil ich immer Angst habe, zu viel zu sein, aber ich habe gehofft, dass wir irgendwann darüber sprechen können. Ich merke, dass es mir gerade sehr wichtig ist, dass Menschen mir sagen, dass wir nicht aufhören müssen im Kontakt zu sein, wenn ich gehe. Ich bin ja auch „nur“ 200 Kilometer weit weg. Klar wird dann alles ein bisschen komplizierter, aber wenn der Wunsch besteht, dann gibt es die Möglichkeit zu schreiben, zu telefonieren und ich kann auch hierher kommen an den Wochenenden. Ich muss mir da selbst nochmal klar machen: Ich ziehe nicht an den Nordpol. 
„Können wir uns dann immer noch sehen an den Wochenenden?“, frage ich und es kostet mich so viel Mut diese Frage zu stellen. „Ja klar. Fragen Sie einfach nach wann ich Dienst habe und dann kommen Sie eben.“ 

Ich merke, wie dankbar ich für solche Gespräche bin. Die auch irgendwie meine Ängste berühren. Ich merke erst jetzt, wie sehr ich geglaubt habe, dass dann alle Kontakte abbrechen müssen. Aber ich glaube, ich muss noch lernen: Ich bin nicht für alle Menschen eine Belastung. Menschen sind nicht im Grunde froh, wenn Sie mich los sind. Und ich spüre auch wieder, wie sehr ich davon geprägt bin, dass Kontakte zu Menschen, die ich als Bezugspersonen wahrnehme, selten stabil waren. 
Ich versuche zu vertrauen, dass diese Menschen um mich herum ihre Worte ernst meinen. Und dann fühlt sich plötzlich alles gar nicht mehr so schlimm an. Ja, das Leben wird sich ändern. Einiges wird komplizierter. Aber man kann es einrichten, dass Menschen die wichtig sind, bleiben können. 

Ich spüre im Moment viel Dankbarkeit. Für die Menschen, die sich wirklich Zeit genommen haben, sich mit mir, meinen Gedanken, Ängsten und Sorgen auseinander zu setzen. Obwohl sie das nicht gemusst hätten. An jeder entscheidenen Stelle in meinem Leben hat es „die Großen“ gegeben. Menschen, die ein bisschen Eltern – Ersatz waren, wenn die Eigenen es nicht sein konnten. „Da gibt es ganz viel Sehnsucht“, sagte die Psychosomatik – Oberärztin letzens. Und es ist schön zu hören, dass das okay ist. Dass man das nicht verurteilt. Dass es in Grenzen bleiben muss, aber dass es grundsätzlich absolut nachvollziehbar ist und dass ich das auch formulieren darf.
„Ich weiß nicht, wann ich mal wieder etwas von meinem Papa höre. Aber wäre dann schon komisch zu sagen: Hey, ich sitze gar nicht mehr in der Stadt, von der Du denkst, dass ich dort bin.“ 

Und dann bringt er mich noch nach Hause, weil ich mittlerweile so müde bin, dass ich kaum noch stehen kann. Kleine Dinge können so groß sein. 

Mondkind 

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