Vom Ende der Arbeitswoche

Es kommt immer irgendwann der Moment, an dem man wieder spürt, wie man anfängt wieder im Takt der Welt zu atmen. Zumindest punktuell.
Vielleicht ist es das Wochenende, das vor mir liegt, das das erste Freie seit langer Zeit sein wird und mit einem – hoffentlich – wunderbaren Konzert zusammen mit meiner Schwester verbracht werden wird. Vielleicht liegt es an den Antidepressiva, die langsam endlich wirken. Oder auch daran, dass ich mich nicht mehr so alleine fühle, weil ich wieder spüren darf, dass es Menschen gibt, die mit mir gehen. Und vielleicht ist es auch der Frühling mit den helleren Tagen, dem frischen Grün auf den Bäumen, den ersten Blüten des Jahres. Und wahrscheinlich ist es von allem ein Bisschen.
Und je nachdem, wie lange es vorher schwer war, grau und trüb, desto schöner ist dieser Moment. Und aktuell spüre ich einfach nur eine tiefe Dankbarkeit. 
Und ich weiß, das ist alles andere als stabil derzeit. Das dauert noch. Aber für den Moment ist es okay, für den Moment ist da wieder Licht. 

Auf meinem Balkon... 


Ich war heute nochmal bei meinem Oberarzt. 
Und so zwischen den Zeilen werden mir da immer Dinge bewusst, die im ersten Moment nicht so bedeutungsvoll scheinen, es dann aber doch irgendwie sind. 
Wir haben heute nochmal viel über meine zukünftige Lebensgestaltung geredet, in der ich hoffentlich ein bisschen mehr zu mir selbst finde. Und er hat dann mehrfach wiederholt, dass Dinge die das Herz berühren, auch ganz banal sein können und hat Beispiele aus seinem eigenen Leben erzählt. In meinem Fall könnte es das Reiten sein. Einfach mal ganz andere Themen zu finden, die für den Moment im Mittelpunkt stehen. Dinge, die nicht ergebnisorientiert sind. (Also dann nicht als Nächstes ein Turnier nach dem anderen, sondern einfach nur Zeit mit dem Pferd). Aktivitäten, bei denen es einfach nur darum geht, sich gut zu fühlen. „Dinge, die auf der Hirnstammebene funktionieren“, hat er gesagt. Und ich glaube, das ist so ein springender Punkt. Sich einfach mal von dem Gedanken zu lösen, dass selbst bei Freizeitaktivitäten noch irgendetwas geleistet werden muss. „Ich kann ja wohl schlecht sagen, dass es mein Hobby ist ständig Konzertwochenenden zu verbringen und dabei quer durch Deutschland zu reisen. Das ist doch zu primitiv“, habe ich gesagt, obwohl mich diese Wochenenden eigentlich immer glücklich machen. Das sei doch okay und das, worum es geht. Spaß haben, soziale Kontakte – was will man denn mehr? Und ich glaube manchmal hat man so viele Blockaden im Kopf, die man selbst schon gar nicht mehr sieht, weil sie so normal geworden sind. Erweitert sich der Horizont nicht irgendwie, wenn es einfach nur um „Mondkind möchte Spaß haben“ geht?

Wir haben dann noch ein wenig über das Konzert geredet – er meinte, er wollte auch mal auf ein Johannes Oerding – Konzert gehen, aber dann hat es wegen Corona nicht geklappt – und dann habe ich angemerkt, dass es sich in dem Fall lohnen könnte, Samstagabend oder Sonntag in den Status zu schauen. „Ich schaue immer Ihre Staten an“, hat er gesagt. 
Und natürlich – das ist mir auch schon aufgefallen. Aber ich fand es einfach in dem Moment so bewegend, weil mir nie so klar war, dass er wirklich gezielt guckt. Und auf dem Weg nach Hause dachte ich, dass das so eine schöne Beziehung zu „den Großen“ ist, die so viel heilt, ohne dass sie je diesen Anspruch hatte. Und es gibt viele Momente, in denen ich denke, dass das keine sichere zwischenmenschliche Beziehung ist. Und natürlich – Sie hat eine erhebliche vertikale Komponente. Und trotzdem ist das wahrscheinlich eher meinen Zweifeln, den eher weniger guten Erfahrungen und ständig wechselnden Bezugspersonen in der Jugend geschuldet, dass ich da oft Sorgen habe - denn er vermittelt mir nie, direkt oder indirekt, dass ich mir welche machen soll. Er macht sogar eher so sehr genau das, was ich mir am meisten wünsche und was mir glaube ich auch am meisten hilft. Er ist einfach da. Er hat keine großen Erwartungen an mich außer, dass ich vielleicht irgendwann glücklich werde und mich darum kümmere. Aber er hat auch mal irgendwann gesagt, dass er sich meine Geschichten über meine Beziehung noch in einem Jahr anhört, wenn es sein muss und ich eben doch nichts ändere. Er hat gesagt, dass er bleibt, egal ob ich hier bleibe oder weg gehe. Wir können uns trotzdem sehen, egal wo ich bleibe. Vielleicht wird es dann von meinem neuen Lebensmittelpunkt aus ein bisschen schwieriger, aber sicher machbar, wenn ich das möchte. Und klar, ich habe dann den Mehraufwand, aber das ist doch völlig okay. Ich habe das selten erlebt, dass ich mich frei bewegen darf in dieser Art von Beziehungen, dass Bleiben oder Gehen nicht an erhebliche, eher mein Leben betreffende Bedingungen geknüpft war. 

Und wenn ich heute Abend ein Gefühl benennen müsste, dann wäre das Dankbarkeit. Und damit gehe ich jetzt ins Wochenende. Ich bin mir sicher, die Songs werden morgen Abend viel in mir bewegen und es ist gut, dass da wieder ein bisschen Resonanz in mir ist.

Mondkind 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Drittes Staatsexamen - ein Erfahrungsbericht

Ein kleines Review des PJs und Prüfungskomission fürs m3

Fachärztin