Von einem Wochenende
Samstag.
Kurzfristig wurde ich auf die Geburtstagsparty von dem Freund meiner Schwester und dessen Mutter eingeladen, die zusammen gelegt und mit einer Grillparty gefeiert wird.
Erst scheue ich mich noch ein wenig zuzusagen, weil ich letztendlich auch nie Diejenige sein will, die mal wieder nur dabei ist, weil sie sonst gerade ziemlich alleine ist, aber dann beschließe ich, dass die anderen vielleicht gar nicht so gedacht haben und sage zu.
Der Freund meiner Schwester hat zwar versichert, ich soll mir jetzt keine Gedanken hinsichtlich eines Geburtstagsgeschenks mehr machen, aber ich besorge trotzdem noch eine kleine Pflanze aus dem Blumenladen für die Mutter des Freundes meiner Schwester. Immerhin ist es mein erstes Aufeinandertreffen mit der Familie und vielleicht macht es Sinn, einen bemühten Eindruck zu zeigen.
Natürlich ist es immer ein bisschen schwer neu in einer Gesellschaft zu sein, die sich schon seit Jahren kennt. Es sind noch ein paar andere Familienmitglieder da und mit denen allen muss ich erstmal etwas warm werden.
Insgesamt wird es aber ein wirklich sehr schöner Abend mit echt netten Menschen. Ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr gegrillt habe und einfach so unkompliziert in einer Gesellschaft dabei saß.
„Jetzt kann ich Dich auch mal im Supermarkt ansprechen – jetzt weißt Du ja, wer ich bin“, hat die Mutter gesagt. Die Geschichte, dass wir letztens im Supermarkt wohl mehr oder weniger ineinander gerannt sind und die Mutter aber nichts gesagt hatte, weil ich sie ja nicht kenne und es eine komische Situation geworden wäre, wurde an dem Abend mehr als ein Mal erzählt.
Und ehrlich gesagt – mit einem Glas Wein an einem Sommerabend vor einem Haus zu sitzen mit Menschen, zu denen man irgendwie im entferntesten Sinne zumindest für den Moment dazu gehört – das bringt schon sehr viel Frieden.
Sonntag.
Heute bin ich nochmal bei meinem Oberarzt. Der Mietvertrag für die neue Wohnung ist mittlerweile angekommen und so ganz einverstanden bin ich damit nicht. Es steht zum Beispiel kein Mietbeginn drin. Der Oberarzt meint auch, dass man das so nicht lassen kann und der Vermieter zumindest einen Zusatz zum Mietvertrag schreiben muss. Den Rest – zum Beispiel einen falsch geschriebenen Namen kann man ja schon auch ausbessern, aber manche Rahmenbedingungen müssen eben stimmen.
Ansonsten scheint das mit der Nebenwohnung immer noch die beste Option zu sein. Hinsichtlich der Tatsache, dass das ja auch alles teuer wird meinte er, könnte sich ein Antrag auf Lohnsteuerermäßigung lohnen – da muss ich nochmal recherchieren. Auch wegen meiner Idee des Lüftens konnte er mich ein bisschen beruhigen – gerade im Sommer schimmelt eine Wohnung in der niemand ist, wohl nicht sofort; auch wenn mal weniger gelüftet wird. Eine Fernüberwachung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit hält er für ziemlich überflüssig. Auch mit dem Anmelden der Wohnung – hier zählt das Einzugsdatum, nicht der Tag, ab dem ich die Schlüssel in der Hand habe. Und Einzug ist definiert als ein Möbilieren der Wohnung, sodass man darin leben kann und regelmäßiges Übernachten dort – also kann ich den Vermieter bitten auf seine Wohnungsgeberbestätigung als Einzug Mitte September zu schreiben und dann kann ich das ganz gesetzeskonform zwischen Mitte und Ende September machen. Und es ist ja auch keine Lüge so – ich werde vorher nicht großartig da sein. Vielleicht macht es dennoch Sinn, sich von der Personalabteilung mal Resturlaub und Überstunden ausrechnen bzw. nachschauen zu lassen.
Auf dem Heimweg laufe ich der Schwester des Kardiochirurgen in die Arme. Was für eine Überraschung – wir haben uns ja wirklich schon ewig nicht mehr gesehen. Zwischendurch habe ich mal darüber nachgedacht, wie wir mal zueinander finden, aber ich hatte weder ihre Handynummer, noch glaube ich, dass sie eine Arbeitsmailadresse hat. Wann sie arbeitet, weiß ich natürlich auch nicht und da sie auf der Station arbeitet, auf der die ehemalige potenzielle Beuzgsperson jetzt Oberarzt ist, wollte ich da auch nicht unbedingt auftauchen.
Offensichtlich möchte sie genauso wie ich jetzt endlich mal Nägeln mit Köpfen machen und da wir beide gerade unser Handy dabei haben, tauschen wir schnell die Nummern.
Ich frage noch, ob sie in der letzten Zeit etwas von ihm gehört hat. „Ich glaube, er ist gerade kurz vor seinem Facharzt und deshalb ist es sehr still?“, fragt sie. „Meines Wissens nach hat er sich noch gar nicht angemeldet – Facharzt schwebt irgendwo am Horizont, aber ehrlich gesagt spricht er halt nicht mehr mit mir.“ Sie weiß es auch nicht und wir kommen nicht zum ersten Mal darauf, dass eigentlich keiner so richtig weiß, was er treibt.
Den Nachmittag verbringe ich noch mit einer kleinen Fahrradrunde, einem kurzen Telefonat mit einem Kumpel und dann rechne ich nochmal genau alle meine Finanzen durch, rechne aus, was ich von der Steuer absetzen kann, wie viel ich dann noch monatlich zum Leben übrig habe und komme darauf, dass es mit dem Grundgehalt ohne Dienste mit kleinen Einschränkungen möglich sein müsste, das Leben zu finanzieren. Große Urlaube oder Anschaffungen werden dann erstmal nicht mehr drin sein – das nächste, das den Geist aufgeben wird, wird das Handy sein, der Akku ächzt nämlich ziemlich unter den hohen Temperaturen und das gute Stück ist schließlich auch schon sechs Jahre alt – erstmal kann man das Problem aber mit einer Power – Bank beheben; das habe ich bei dem alten Handy auch so gemacht.
Später am Abend telefoniere ich dann noch mit meinem neuen Nachbarn, der jetzt netterweise die Schlüssel hütet, bis ich komme. Vielleicht kann ich den anspitzen, dass er einen Wohnungsschlüssel behält und trotzdem ab und an mal durchlüftet.
Zum Lesen komme ich nicht mehr. Das stand eigentlich noch auf der To Do Liste. Am Ende reicht es nur noch für Vorkochen für den Dienst morgen und Bettchen.
Mondkind

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