Zwischen Vergangenheit, Zukunft und Herrn Kliniktherapeuten

 „Es gibt Begegnungen, die man nicht vergisst. Unsere gehört dazu.
 - Herr Kliniktherapeut. Heute.

***

An mein früheres Ich, 
An Dich denk ich. Gerade. Als ich die Landstraße zwischen dem Wohnort und dem Nachbarort entlang fahre und eine Freundin in der Leitung habe, die ich damals in der Psychiatrie kennen gelernt habe. 
Es ist endlich Sommer geworden und ich liebe nichts mehr, als den Sommer. 

Ich denk dran, dass die Freundin und ich sich damals in Haus 14 auf einer wirklich abgeranzen Station kennen gelernt haben, auf der das Wasser in den Abflüssen stand und es bestialisch gestunken hat. Der Neubau stand damals schon auf dem Gelände, aber er war eben noch im Bau. Ich habe ihn nie von Innen gesehen, weil ich dann irgendwann einfach nicht mehr ständig in der Psychiatrie war. 

Ich denk dran, dass sich unsere beiden Leben seitdem so weit entwickelt haben. Sie erzählt mir über ihren Kinderwunsch und die Behandlung und, dass sie auch vorsichtig optimistisch ist, dass das klappen könnte. Und ich erzähle, dass ich fast eine Wohnung am neuen Wohnort habe und lasse mich darüber aus, dass ich endlich mal Stil in meiner Wohnung haben möchte. Nicht mehr alles zusammen würfeln möchte, weil es schnell gehen und günstig sein muss. Ich habe ein kleines finanzielles Puffer, kann die Ausgaben jetzt schon mal ein bisschen reduzieren – viel Gelegenheit für große Urlaube gibt es dieses Jahr ohnehin nicht mehr - und noch ein Monate Vorlaufzeit. 

An mein früheres Ich – manchmal wünschte ich, Du könntest nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus meinem Leben jetzt sehen. Und ich sage nicht, dass alles gut ist, dass alles immer gut sein wird, dass es nicht – selbst in näherer Zukunft – nochmal Krisen geben wird. 
Aber wir haben so viele Dinge geschafft, die wir niemals für möglich gehalten hätten. Wir haben überlebt, das zuerst. Wir haben uns entwickelt, wir sind groß geworden in einer Welt, die nicht immer leicht zu uns war. Wir leben heute nicht in irgendeinem betreuten Wohnen, was auch mal im Gespräch war, sondern wir haben unsen Facharzt gemacht und die letzten bald sieben Jahre in einer eigenen Wohnung gelebt. Wir haben nie aufgehört unseren Träumen hinterher zu jagen und das ist nie schwer, wenn die Zeiten sich gerade leicht anfühlen. Das ist immer dann am schwersten, wenn die Zeiten am anstrengendsten sind, am ermüdensten, wenn man fast das Licht am Ende nicht mehr sehen kann, vielleicht Hilfe braucht um den Blick auf das Warum nicht zu verlieren. Wir drehen uns unser Leben immer noch so lange zurecht, bis es passt, wir haben uns sogar getraut nochmal zuerst nur halb umzuziehen, aber vielleicht irgendwann ganz und geben uns die Chance, nochmal ganz neu anzufangen. Es ist Luxus, die alten Verbindungen nicht trennen zu müssen, bevor die neuen tragen. Und den haben wir uns ganz alleine erarbeitet. Wir haben den Mut nicht verloren und im Gesamten auch die Hoffnung nicht. 


 

***

Wer schon länger mitliest, kann sich noch an Herrn Kliniktherapeuten erinnern. Irgendwann zwei Jahre nach unserer letzten Begegnung, habe ich mal recherchiert wo er jetzt arbeitet und habe seine neue Mailadresse gefunden. Seitdem habe ich ihm drei Mails geschrieben. Immer im Zweijahresabstand. Einfach, weil das Bedürfnis hatte ihm mitzuteilen, was ich jetzt so mache. 
Die letzte Mail habe ich nach dem letzten Besuch bei Frau Therapeutin geschrieben. Ich hatte es ohnehin schon lange auf meiner To Do – Liste, aber nun wollte ich ihn auch nach Buchempfehlungen über Schematherapie fragen. Wenn Einer dafür der Richtige ist, dann er. Und immer schreibe ich in die Mails in einen der ersten Sätze, dass er sich ja vielleicht auch nicht mehr an mich erinnert. Schließlich sieht er viele Menschen im Laufe der Jahre kommen und gehen, begleitet sie ein Stück und lässt sie dann auch wieder ziehen. Es ist bald sechs Jahre her, dass wir zuletzt miteinander Therapie gemacht haben. 

Und dann kam dieser Satz. „Es gibt Begegnungen, die vergisst man nicht. Unsere gehört dazu.“
Ich würde ihn gern fragen, warum? 

Ich kann es nur für mich sagen.
Wir haben uns 2019 kennen gelernt, als ich damals stationär in der Klinik war. Ich glaube, er war einer der kompetentesten Therapeuten, denen ich je begegnet bin. Und er war einer der wenigen Menschen, der mich wirklich gesehen hat. Im Lauf der Zeit sind wir auf den Blog zu sprechen gekommen. Und weil ich im Reden leider gar nicht mal so gut bin, hat er mich gefragt, ob er aus therapeutischen Zwecken die Mailadresse bekommen kann. Ich habe damals lange überlegt, denn der Blog ist nicht ohne Grund anonym. Er würde in meinem privaten Umfeld wohl für sehr viel Missmut sorgen. Aber ich habe ihm vertraut und er hat die Adresse bekommen. Er war Einer von zwei Menschen, der die je bekommen hat. Der zweite Mensch war der verstorbene Freund. 

Ich bin im Ende des Sommers 2019 aus der Klinik gegangen, umgezogen und habe angefangen zu arbeiten. Wir haben ab und an, relativ selten, mal telefoniert. Was ich nicht wusste war, dass er all die Zeit mitgelesen hatte. Ich habe ihm da nie etwas Neues erzählt. Vielleicht wollte er mir das eigentlich nie sagen, aber es war auch nicht geplant, dass wir uns nochmal in der Klinik sehen. 

Und dann kam der 3. Juli 2020. Der Tod des Freundes. Er war der erste Mensch, dem ich davon erzählt habe. Und er war derjenige, der fünf Minuten später angerufen hat. Und auch wenn die Wochen davor und danach in großem Ausmaß in irgendeinem Nebel verschwinden, habe ich diese Situation klar vor Augen. Ich im Blutabnahmezimmer. Er ist draußen über das Gelände spaziert. Er konnte selbst durchs Telefon halten. Im Hintergrund haben die Vögel gezwitschert und das Leben der Studienstadt selbst am Telefon zu fühlen, war in Anbetracht des über mir schwebenden Todes sehr seltsam. 

Ich war sicher keine Vorzeigepatientin. Ich war meistens erst in der Psychiatrie, wenn es mir so schlecht ging, dass ich einfach nicht mehr ohne Betreuung sein konnte. Ich habe bestimmt nur ein Viertel von diesem Schematherapiekonzept verstanden, weil ich ungefähr die Aufmerksamkeitsspanne eines Regenwurms hatte. Ich saß so oft bei ihm und habe ihm erzählt, dass ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Und ob es weiter gehen kann. Suizidalität war ein sehr präsentes Thema. 
Er hat eine glückliche Mondkind eigentlich nie erlebt. 

Er war nicht nur Therapeut, er war auch Vorbild. Ich wusste ja damals schon, dass ich beruflich völlig falsch unterwegs war, aber es war auch immer klar, dass ich ein Fundament brauche, um irgendwann mal stabil und unabhängig weiter machen zu können. 
Ich habe immer wieder gedacht, dass ich mal irgendwann sein möchte, wie er. Nicht nur, weil ich ihn geschätzt habe, sondern weil ich mich selbst so sehr gesehen habe in dem, was er tut. Ich möchte irgendwann mit so viel Leidenschaft wie er meinen Job machen, mich so für meine Patienten engagieren ohne die eigenen Grenzen zu vergessen. Ich möchte das lieben, das ich tue, ich möchte mich gerne weiterentwickeln und nicht nur, weil ich meine das zu müssen um mithalten zu können und ich möchte für meine Patienten etwas bewegen. 

Er hat irgendwann mal ein paar winzige Ecken aus seiner Biographie fallen lassen und die Dynamik kam mir sehr bekannt vor. Wahrscheinlich hat er sich und seine Berufung schneller gefunden und sich schneller getraut zu rebellieren – ich weiß es nicht, aber ich habe es mir immer gedacht. Aber ich dachte mir auch oft: Hey, da ist jemand, der hat es auch nicht leicht gehabt. Aber er hat einen Weg gefunden und wenn er das kann, dann kann ich das doch auch, oder?

Dieser Mensch hat für mich einen Unterschied gemacht. Ich werde auch glaube ich nie aufhören ihn mitzudenken, wenn ich an meine Jahre 2019 und 2020 denke. Manchmal würde ich ihn schon nochmal gern sehen. Und manchmal denke ich auch, vielleicht sind die Erinnerungen auch okay. 

An mein jüngeres Ich: Danke, dass Du mit viel Hilfe durchgehalten hast. Denn ohne das, wäre die Zukunft niemals möglich. An mein späteres Ich: Ich hoffe Du wirst jemand, der für andere Menschen einen Unterschied macht. Und damit auch für Dich selbst. 

Und by the way: Einer der bekanntesten Schematherapeuten in Deutschland ist Neurologe und Psychiater und hat auch Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie gelernt. Habe ich jetzt herausgefunden. Ich kann nicht sagen, wie sehr mich das beruhigt hat. Es ist noch nichts zu spät. Ich kann noch alles werden.

Mondkind 

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