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Von einem wilden, vorerst letzten Nachtdienst

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Die Telefone klingeln sturm. Es muss irgendwann in den frühesten Morgenstunden sein, schätzungsweise halb 4. Ich schrecke zusammen – wie immer bei diesen Notfallalarmen mitten in der Nacht und brauche eine Zehntel Sekunde, um mich zu sammeln. Ich liege an einen anderen Menschen geschmiegt, habe meinen Arm um seinen Oberkörper geschlungen und spüre auch einen Arm auf mir. Dieser Arm auf mir löst sich jetzt und greift über mich – wie mein zweiter Arm – in Richtung des Telefons. Im Telefon kommt die Durchsage, von welcher Station der Alarm kommt. Es ist eine Kardiologische. Der Mensch neben mir springt auf, schlüpft in seine Schuhe, steckt das Telefon in die Kitteltasche und hängt sich das Stethoskop um den Hals. „Bleib hier, ich komme dann wieder“, sagt er. „Wenn wir doch einen Neurologen brauchen, rufe ich Dich an.“ Wir Neurologen rennen in solchen Fällen eigentlich nur los, wenn der Notfallalarm von einer unserer Stationen kommt. Ansonsten ist es in 90 % der Fälle ein kardiologisches P...

38 Monate - Vom Suchen und Finden

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Mein lieber Freund, der 38. Brief. Ich kann mich noch erinnern, damals, an diese ersten Tage in diesem neuen Leben, in das ich unfreiwillig geschmissen worden war und das ich doch so gar nicht leben wollte. Es war damals die Idee des Seelsorgers gewesen, dass ich Dir doch einfach schreiben soll. Und klar – wer mich minimal kennt, der braucht nicht lange um eine solche Empfehlung auszusprechen. Überlegt hatte ich mir das auch schon – aber ich wollte Dir doch nicht schreiben. Ich wollte mit Dir reden. Ich wollte Dir all das sagen, was ungesagt in meinem Herzen geblieben war und ich wollte Dir all die Fragen stellen, die in meinem Kopf waren. Und dann habe ich es trotzdem einfach gemacht. Und hätte nicht gedacht, dass ich das mal so lange durchhalten werde. Ich erinnere mich an einen Satz, den Deine Mum gesagt hat, nachdem Du gestorben bist. Vielleicht war es einer DER Schlüsselsätze. „Es war sein ganzes Leben auf der Suche und auf der Flucht. Leider hat er nie gefunden, was er gesucht ha...

Sonntagsgedanken zur Beziehungssituation

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Ich hatte Dienst in der Nacht von gestern auf heute, aber es war gut machbar. Natürlich schläft man in der Nacht aber doch nicht und deshalb musste ich mich heute erstmal hinlegen. Ich hab ein paar Mal an den ehemaligen Freund gedacht an diesem Wochenende und mich gefragt, ob seine Schwester wohl eine schöne Hochzeit hatte. Das Wetter war ja nicht so super berauschend und ich glaube, die hatten im Garten feiern wollen. Es hat vier Abende zur Verfügung gegeben – an einem Füften hatte ich eben arbeiten müssen, das ging eben nicht. Vier Abende, an denen der Kardiochirurg und ich mal hätten Zeit miteinander verbringen können. Haben wir das getan? Nein. Ich habe im Vorfeld gesagt: Diese fünf Tage jetzt werden schon entscheidend. Weil er frei nach Nachtdienstwoche hat und ich mit dem Dienstfrei am Mittwoch - abgesehen von dem einen Nachtdienst - eben auch frei hatte. Und ich glaube, langsam gilt es einzusehen, dass das mit uns so irgendwie nichts wird. Er springt – ähnlich wie meine Schweste...

Von einem Dienst, Coaching und einer Wanderung

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Dienstag. Mal wieder ein Dienst. Ich komme erst um 10 Uhr zur Chefarztivisite, die – trotz schlechter Besetzung – einigermaßen läuft. Danach hasten der Kollege und ich durch den Tag; ich schreibe flott meine Briefe und noch einen für ihn mit, weil ich darin einfach schneller bin – er nimmt mir dafür andere To Do’s ab. Um 16 Uhr trabe ich in die ZNA und nehme das Telefon. Die Kollegin von gestern hatte in der Nacht nur zwei Aufnahmen – die Hoffnung daran zumindest ein bisschen anzuknüpfen zerschlägt sich aber rasch, als nach 10 Minuten im Besitz des Telefons die erste Konsilanforderung rein flattert. Die Fälle sind heute ein wenig undankbar, aber machbar. Um 22 Uhr kommt dann noch eine ältere Dame aus dem Pflegeheim; dem Personal sei aufgefallen, dass sie mit ihrem Becher den Mund verfehlt habe. Die forcierte Blickwendung, die daran Schuld ist, hat aber irgendwie niemand bemerkt. Es kostet mich einiges an Recherchearbeit, bis ich einen Verwandten ausfindig gemacht habe, der sie bereits ...

Um einen Freitagsdienst herum

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Freitagmorgen. Solche Dienste vor einem – hoffentlich – schönen Wochenende kommen mir bisweilen vor, wie der Mount Everest. Man könnte in ein paar Stunden geschmeidig ins Wochenende gleiten, aber so geschmeidig wird es wohl nicht werden… Ich habe irgendwie ein blödes Gefühl bei dem Dienst, aber wir werden es sehen. Auf dem Weg zur Arbeit laufe ich an der Wäscheausgabe erstmal dem Kardiochirurgen in die Arme, der seine Kleidung gerade weg bringt und nach dem Nachtdienst auf dem Weg heim ist. So eine Umarmung am Morgen auf dem Flur kann ein Leuchten für den Rest des Tages sein. „Heute war besagte Nacht“, sagt er. Es gäbe immer eine Nacht in der Woche, die maximal anstrengend ist und blöd läuft und ein Blick auf die Uhr verrät, dass er immerhin auch anderthalb Überstunden gemacht hat. „Ich hoffe, das ist kein Zeichen für Deinen Dienst“, sagt er. Der Tag auf der Station ist recht entspannt – auch wenn unser Oberarzt ziemlich unentspannt ist. Ich habe eine Patientin mit einer Dysarthrie und...

Lernprozess

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 „Mondkind, die erste Beziehung wird nicht halten. Das funktioniert bei den meisten Menschen einfach nicht.“ Jetzt war er nicht meine erste Beziehung, aber der erste Mensch, auf den ich mich körperlich einlassen konnte. „Mondkind, es wird nie wieder so wie beim ersten Mal sein.“ Worte des Oberarztes vor noch gar nicht mal so langer Zeit. Und ich glaube, das ist wahr. „Aber wenn Du sagst, dass es Dir so wichtig war und Du alles was Du hattest da rein gesteckt hast, dann verstehe ich nicht, warum das mit der Sexualität so schwer für Dich war.“ Worte des ehemaligen Freundes. Und manchmal denke ich, es war einfach zu früh. Nicht zu früh in meinem Leben. Sondern zu früh für uns. Ich frag mich, was passieren würde, wenn wir uns heute nochmal neu begegnen würden. Wenn wir nicht diese Vorgeschichte hätten. Denn nach allen Erfahrungen zwischen uns, könnte man manchen Themen nie mehr ohne alle möglichen Schwierigkeiten im Kopf begegnen, die gar nicht mehr so aktuell sind. Aber irgendeiner mu...

Gedanklicher Verkehrsunfall

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 „Mein Name ist…“. 30 Sekunden des neuen Songs von Alexa Feser auf Dauerschleife. Er kommt genau zur richtigen Zeit. Hilft mir, die Gedanken ein bisschen ziehen zu lassen. Dieses Gefühl, wenn man nicht mehr weiß, wohin mit sich. Wenn es einem über den Kopf wächst. Überhand nimmt. Wenn man nur dastehen kann, innerlich verbrennen, sich fragen, was bloß passiert ist. In sich drin gefangen sein. Ich fühle es und ich kann es nicht verbalisieren. Stattdessen mache ich weiter, als wäre nichts, weil ich nicht weiß, wie ich das durchbrechen kann und weil doch eigentlich alles gut ist. Egal was ich versuche, schreiben, reden, explodieren, aber die Grenze kann nicht eingerissen werden. Nur der Körper, der quittiert das. Lange nicht mehr so viel Kopfschmerzen und Magenschmerzen gehabt, Müdigkeit verspürt, die nur noch unangenehm ist, egal wie viel ich ausgeruht habe. Wie soll ich die nächste Woche so überstehen…? Aber wenn ich mich auf ein was verlassen kann dann darauf, dass es am Ende immer ...