Reisetagebuch #1
Donnerstag. Ab heute habe ich Urlaub. Ich habe noch zwei AZV – Tage an den Urlaub dran hängen dürfen – ausnahmsweise natürlich nur. Wahrscheinlich, weil es der letzte Urlaub an meiner alten Klinik ist – ab Mitte September irgendwann werde ich dann nur noch den Resturlaub verbrauchen. Ich muss das nochmal ausrechnen lassen, wie viele Tage das dann noch sind.
An diesem Morgen bin ich noch ziemlich beschäftigt. Denn überall wo man ein Problem auch nur erahnen könnte, gibt es ein Problem. Erstmal fällt mir siedend heiß ein, dass man bei mehreren Tagen über 30 Grad vielleicht die Gießanlage auf dem Balkon aufbauen sollte. Zwar vermute ich, dass die Gurken das trotzdem nicht witzig finden und frage parallel den Kardiochirurgen ob er – wenn er schon mal hier ist – eins, zwei Mal zum Gießen kommen könnte. Aber mir ist schon klar, dass ich mir die Frage vom Prinzip her auch sparen kann.
Während des Aufbauens entdecke ich dann, dass meine vor wenigen Wochen gekaufen Hyazinthe voll von Blättläusen ist. Erstmal bekommt sie eine Ladung Insektenvernichter und nach dem Urlaub muss ich die einzeln stellen – das ging jetzt nicht mehr, weil dann die Eimer der Gießanlage nicht gereicht hätten, wenn man noch eine Pflanzenecke hätte aufmachen müssen. Ich hoffe einfach, meine Rankpflanzen verteidigen sich bis dahin; sonst kann ich wieder fast die komplette Balkonbepflanzung entsorgen.
Beim Packen stelle ich fest, dass meine einzige gute kurze Hose ein Loch hat, das auch so ausgefranst ist, dass es sich schwer nähen lässt. Ich versuche es trotzdem, aber man muss halt den Stoff etwas zusammen raffen und am Ende schlägt das halt einfach eine Falte und außerdem ist der Stoff ohnehin schon sehr dünn. Wie lange das hält, weiß ich nicht. Ich düse also nochmal in die Stadt. Eine neue beige Hose, wie ich eigentlich wollte, finde ich nicht, aber eine blaue, die sogar echt ganz bequem sitzt und gut aussieht – ehrlich gesagt freue ich mich sogar darauf, die in den nächsten Tagen zu tragen.
Ich nehme mir mal wieder vor, meinen Kleiderschrank vielleicht aufzufüllen, bevor das letzte Kleidungsstück kaputt ist, aber... - ich kenne mich ja.
Der Kardiochirurg hatte Dienst und ich hatte schon gar nicht mehr mit ihm gerechnet – er möchte aber nochmal kurz vorbei schauen. Dadurch werde ich mich mindestens eine Stunde verspäten – und ich bin schließlich zur Schlüsselübergabe am neuen Wohnort verabredet – aber ich hoffe wie immer, dass wir irgendetwas klären können.
Am Ende können wir aber nichts klären und auch das hätte freilich vorher klar sein können. Er ist sauer auf mich – ich weiß aber nicht recht warum. Letzten Endes ist er derjenige, den man ständig wieder in den Kontakt holen muss, der sich alle Freiheiten nimmt, wie er sie braucht und ich habe es auch irgendwie akzeptiert, dass er jetzt nicht mit in den Urlaub kommen möchte – ich ziehe da nicht mehr an ihm. Das hat sowieso keinen Sinn. Er möchte jetzt die halbe Woche freiwillig irgendetwas auf der Arbeit machen – erinnert mich fast an meine alten Zeiten. Aber wenn er das für richtig hält, werde ich ihm das nicht ausreden.
Was dann allerdings wirklich weh tut, ist dass wir uns ohne Umarmung verabschieden. Und das ist halt der Punkt, den ich nicht verstehe. Vor zwei Tagen bin ich abends einfach zu ihm rüber gefahren und bin an ihn dran gekuschelt eingeschlafen und 48 Stunden danach ist eine Umarmung bevor man sich sieben Tage nicht sehen wird, irgendwie zu viel. Dass meine Psyche da ein bisschen Amok läuft, ist doch irgendwie nachvollziehbar.
Um 16 Uhr starte ich den Motor meines Autos – aka Möhrchen – und wir düsen bis 19 Uhr an den neuen Wohnort. Dort treffe ich mich mit dem Freund meiner neuen Nachbarin und dem alten Mieter, der mit dem Nachbarn befreundet ist und die beiden händigen mir die Schlüssel aus. So viele Schlüsse hatte ich ehrlich gesagt selten. Vier Haustürschlüssel und fünf Wohnungsschlüssel. Einen hat der Mieter noch verlegt und möchte ihn suchen – ich hoffe er findet ihn.
Da der Boden wirklich dreckig ist und ich meine Sachen dort hinstellen möchte und auch die Matratze heute Nacht auf dem Boden liegen wird, sprinte ich vor 20 Uhr noch schnell zur Drogerie und kaufe schon mal Wischmob und Putzmittel, um die Wohnung direkt einmal durchzuwischen. Damit fühle ich mich dann schon viel wohler.
Meine Schwester hat mir eine Luftmatratze mitgegeben, die sich selbst aufpumpen kann. Es gibt leider keine Anzeige, wann es wirklich voll ist und ich möchte nicht, dass die Luftmatratze platzt, aber nach ein paar Mal nachpumpen setze ich mich mit dem Laptop aufs provisorische Bett. Für ein Provisorium ist es echt gemütlich.
Später nehme ich noch das extra gekaufte Hygrometer in Betrieb und überprüfe mal, was die Luftfeuchtigkeit hier so macht. Da ich nicht ständig hier sein werde, muss ich mich jetzt etwas auf den Grundwert verlassen – schimmeln sollte es jetzt nicht, bevor ich hier einziehe.
Da allerdings hier bald eine Firma kommt, um die Zähler abzulesen, hatte ich gleich einen guten Grund dem Nachbarn einen Schlüssel dazulassen. Vielleicht kann der auch ab und an mal durchlüften – ich werde dann beim nächsten Besuch hier mal ein kleines Präsentkörbchen mitbringen dafür, dass die sich marginal um meine Wohnung kümmern, während ich nicht hier bin. Der Vormieterhat mir erklärt, dass die Wohnung bevor er hier eingezogen sei wohl immer wieder monatelang leer stand, aber die Luftfeuchtigkeit ist trotzdem so hoch, dass ich wahrscheinlich auf dem Rückweg nochmal hier anhalten und nachschauen muss und mir im Zweifel etwas einfallen lassen sollte.
Und dann ist es auch schon fast 23 Uhr. Ich mache mich bettfertig und um kurz nach 23 Uhr schlüpfe ich das erste Mal in der neuen Wohnung unter meine Bettdecke. Es wird eine ruhige Nacht und mich wird erst um sechs Uhr das Licht des neuen Tages zusammen mit Vogelgezwitscher wecken. Ich muss mir noch etwas einfallen lassen, wie ich es hier dunkel bekomme. Die weißen Vorhänge sind dafür eher weniger zu gebrauchen...
Mondkind

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