Von einem Spätdienst

 „Was ist wenn ich falle?
Ich sag was ist wenn Du fliegst?
Diese Zweifel kann Dir Keiner nehmen, 
wird noch Tausend solcher Fragen geben.“

 
Florian Künstler in einem noch unveröffentlichen Song. 
 
Es ist schon spät. Bis 16 Uhr war an den Tag kein einziger Patient in der Notaufnahme, aber seitdem rennen der Dienstarzt und ich eigentlich nur der Situation hinterher. Sieben Patienten kamen dann gleichzeitig innerhalb weniger Minuten und auch das übliche Abendprogramm von Patienten schlägt noch auf. Da wir nirgendwo mehr Platz haben, werden die Patienten in die letzten Zimmer der ZNA gelegt. 
Und als ich gerade aus dem Patientenzimmer heraus komme und mir überlege, wo eigentlich genau die Neurologie sein soll bei einem Patienten, der immer nach dem Essen über Schwindel, Verschwommensehen und Kribbeln in den Armen klagt, sehe ich auf Höhe des Pflegestützpunktes einen Flur weiter vorne ein Bett ums Eck biegen, das von dem Kardiochirurgen und einer Pflegekraft begleitet wird. 
 
Vielleicht waren das immer die Situationen, vor denen ich so Angst hatte. Während ein Teil von mir sich überlegt, einfach in einen der Schockräume hinein zu springen, möchte ein anderer Teil hinterher düsen und fragt sich, warum ich nicht zehn Sekunden eher hätte da lang laufen können. Dann wären wir uns wenigstens mal in die Arme gelaufen. 
 
Und trotz allem was passiert ist, ist da immer noch diese Anziehung. Ich sehe ihn und sofort spüre ich mein Herz schlagen, sofort möchte ich ihn in den Arm nehmen, endlich mal wieder leidenschaftlich küssen, bis wir Körper an Körper fühlen, nur uns und den anderen spüren. Ich verstehe mein Ich von vor drei Jahren durchaus noch.
Und während ich noch bei dem Gedanken bin, klingelt schon wieder das Telefon. 
 
Kurze Zeit später muss ich wieder nach vorne flitzen. Die Polizei steht ratlos im Flur und ich weiß auch, warum die da sind. Es ist ein Patient nach Suizidversuch angekündigt. In der Triage steht seine Frau und weint. Einer der Polizisten ist mein Nachbar. Der hält mich sofort mal an. „Kannst Du mal nachschauen, ob der Patient schon da ist und wo er liegt?“, fragt er. „Klar“, entgegne ich, während ich mich innerlich verfluche, dass ich schon wieder hier stehe. 
Würde die Polizei eigentlich auch mit mir in die Notaufnahme kommen, wenn es mal irgendwann so weit wäre, frage ich mich. „Der ist aber sicher nicht verlegungsfähig?“, reißt mich mein Nachbar in Dienstkleidung aus den Gedanken. „Das muss man mit der Giftnotrufzentrale besprechen, aber wahrscheinlich eher nicht. Die Psychiatrie macht in der Regel keine Monitorüberwachung.“ Die beiden gehen erstmal los in Richtung Patient.
 
Irgendetwas sucht der Kardiochirurg schon wieder in der Notaufnahme. (ich dachte schon kurz, er sucht vielleicht nochmal nach mir, weil er mich auch vermisst und mal kurz Hallo sagen möchte, aber das war freilich wieder eine Fehlannahme. Er würde das nie machen). Es gibt überhaupt keine kardiochirurgischen Patienten in der Notaufnahme, aber vielleicht muss er nach einem kardiologischen Patienten schauen. Oder nach der Frau eines Kollegen von ihm, die auch da ist. 
„Ich melde mich“, sagt er, nachdem wir uns quasi in die Arme laufen und ich weiß, dass er sich natürlich nicht melden wird. (Spoiler: Wird er nicht bis ich gehe - und ich bin bis Mitternacht da...)
 
Ich sitze schon wieder in der Neuro – ZNA und dokumentiere, als mein Kollege dazu kommt. 
„Der Kardiochirurg ist hier“, sagt er. 
„Ich weiß“, entgegne ich. 
„Habt Ihr mal gesprochen?“, fragt er. 
„Wo denkst Du denn hin? Der Herr spricht doch gerade nicht mit mir...“
Er seufzt. „Wie ist die Lage denn jetzt bei Euch?“, fragt er. 
„Keine Ahnung“, entgegne ich und bin eine Weile still. „Vor zwei Tagen hat es wieder gekracht, jetzt wird man wahrscheinlich drei Wochen nichts von ihm hören, dann werden wir uns mal wieder 24 Stunden nah sein dürfen und dann wird das wieder von vorne los gehen“, entgegne ich. 
Er ist eine Weile still. „Ich war auch mal so Mondkind. In meiner ersten Beziehung. Ich konnte keine Nähe ab und wollte gleichzeitig auch die Beziehung nicht verlieren. Und dann ist genau das dabei raus gekommen. Aber irgendwann dachte ich, dass ich mal aufräumen muss, weil ich so nicht sein möchte.“ 
„So weit ist der Kardiochirurg aber noch nicht“, sage ich. „Könnt Ihr nicht mal zusammen sprechen? So unter Jungs. Das hat ja keinen Sinn mehr, wenn ich mit ihm spreche...“ Er lacht. „War ein Spaß“, sage ich. „Fände er bestimmt auch nicht witzig. Aber ich weiß echt nicht mehr, was ich machen soll. Ich habe ihn sogar mit zu meiner Therapeutin geschleppt, die dann klar gesagt hat, dass wir eine Paarberatung brauchen, weil das mit unserer Kommunikation nicht klappt. Er war da sehr klar, dass er das nicht will. Und das nehme ich ihm echt  übel. Dass er uns da keine Chance gibt und ich da immer die Leidtragende bin. Ich weiß nicht, ob er leidet. Ich glaube nicht, ehrlich gesagt.“
„Zumindest anders als Du. Er macht sich hart.“
Ich nicke.
 
„Keine Ahnung. Dir rinnt ja alles was gut sein soll, fast immer durch die Finger“, sage ich irgendwann. Nächsten Monat ist Florian Künstler Konzert und es gibt auch eine Karte für den Kardiochirurgen. Das war so schön geplant, dass wir beide zusammen fahren, ich ihm endlich mal die Geburtsstadt zeige. Ich bin da geboren, ich liebe diese Stadt. Das ist irgendwie auch ein Teil zu Hause. Und dann hätte endlich das erste Familienmitglied ihn mal kennen lernen können – meine Oma. Die ist in dem ganzen Haufen noch die Vernünftigste...“
 
„Fragst Du Dich auch manchmal, wie Du in so einer Familie groß werden konntest?“, fragt er. 
Ich lache. „Oft“. „Aber weißt Du was?“, frage ich nach einiger Zeit. Er schaut mich an. „Das Ding ist ja, dass ich gar nicht weiß, ob der Plan funktioniert. Guck mal, wir haben jetzt zwei Urlaube nicht miteinander verbracht; der Kardiochirurg wird das wieder bis 24 Stunden vorher nicht wissen, ob er mitkommen möchte und dann wird ein Moment, der doch gut werden sollte und der fest als guter Moment schon im Kopf verankert war, eben nicht gut. Weil da jemand fehlt. Weil wir eine Erfahrung nicht zusammen machen können, die wir doch hätten machen können. Weil es mir so wichtig war und er das wieder nicht sieht.“ 
„Ihm sind andere Dinge wichtig. Ich glaube, für seine Patienten würde er auch bis spät abends hier sein.“
„Er ist bis spät abends für seine Patienten hier. Ist völlig egal, ob ich abends um 22 Uhr mal etwas von ihm brauche. Wenn es einen Patienten gibt, der auch etwas braucht, ist der immer wichtiger.“


Das Telefon klingelt wieder. Wir müssen weiter. 
 
Die Nacht wird nicht ruhig für mich. Ich dachte, der Körper hätte sich genug erholt. Hat er aber nicht. Es ist mitten in der Nacht, als ich mit Bauchschmerzen aufwache und auf dem Weg ins Badezimmer erstmal kollabiere. Ich sehe weiß aus, wie die Wand, stelle ich beim Blick in den Spiegel selbst im Halbdunkel fest, als ich wieder im Jetzt angekommen bin. 
Innerhalb von zwei Stunden versuche ich es mit drei Schmerzmitteln und Wärmflasche, damit ich einfach irgendwie weiter schlafen kann, um morgen arbeiten zu gehen. Zwischendurch kommt mir kurz in den Sinn, ob nicht der Rettungsdienst geeigneter wäre. Morgens um sieben schlafe ich nochmal ein. Gut geht es mir noch nicht, als ich aufwache. Aber die Arbeit wartet. 
Und damit ich am Wochenende gar nicht erst zu blöden Gedanken komme, habe ich gestern sofort eingewilligt, als einer meiner liebsten Oberärzte mich gefragt hat, ob ich am Samstag beim Präventionstag helfen möchte.
 
Eigentlich wollten wir Dienstag gemeinsam frühstücken. Aber er meldet sich nicht – das war auch nicht zu erwarten - und ich schlafe dann zu lange dafür. Und nach Frühstück ist mir auch nicht.
 
„Was ist wenn ich falle? Ich sag was ist, wenn Du fliegst…?“
Wir tanzen seit Jahren an diesem Abgrund. Ich frage mich seit Jahren was passiert, wenn ich falle. Aber man könnte ja auch einfach irgendwann fliegen… 

Mondkind 

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