71 Monate
Mein lieber Freund,
es passiert so viel im Moment.
Und ich wünsche mir oft, dass Du noch da wärst, um all das mit zu erleben.
Mir geht es mittlerweile so viel besser, als noch vor einem Monat. Oder sogar einem halben.
Weißt Du, was total schön ist: Es gibt auch Kollegen von der Arbeit, die jetzt auf mich zukommen und sagen, dass ich langsam wieder die Mondkind bin, die sie kennen. Das waren Kollegen, mit denen ich nicht mal besonders eng bin. Aber ich glaube gerade diese Menschen haben das fast am Meisten mitbekommen. Bei meinen Freunden habe ich mich ja schon noch zusammen gerissen oder mich einfach weniger gemeldet und gesagt, dass ich viel zu tun habe – das glaubt einem ja auch erstmal jeder in diesem Job. Aber ich glaube es waren auch gerade diese „einfach nur Kollegen“, bei denen die Fassade dann eben auch gefallen ist.
Ich habe gerade so ein bisschen das Gefühl, ich grabe auch meine Persönlichkeit wieder ein bisschen aus. Wer ist denn eigentlich diese Mondkind, wenn da mal Platz für Interessen ist? Was liest diese Mondkind denn in ihrer Freizeit, welchen Sport mag die eigentlich, was kocht sie am liebsten? Und worauf freut die sich in ihrem anstehenden Urlaub eigentlich am meisten? Ich habe mich glaube ich die letzten Jahre nicht mehr so sehr auf Urlaub gefreut, wie auf die fünf Tage Holland mit meiner Schwester bald, weil es ja auch immer einfach nicht klar war, ob wir denn wirklich fahren.
Ich habe mittlerweile fast eine eigene Wohnung. Ich muss nur noch den Mietvertrag unterschreiben und zurück senden und dann habe ich einfach ab Mitte des Monats eine Wohnung an meinem neuen Wohnort. Das sind zwar immer noch immer noch 2,5 Monate zu viel (ich habe einfach schon einen halben Monat raus gehandelt, weil der Typ immer fehlerhafte Dokumente geschickt hat und das dann bis Monatende alles gar nicht fertig war), aber hey: Beste Lage, guter Preis, seperate Küche, Balkon, auf den Du sogar einen kleinen Tisch mit Stuhl und Mini – Hochbeet stellen kannst. Was willst Du denn mehr?
Ich habe im letzten Monat meine Finanzen mal alle durchgerechnet und ich sag`s Dir ehrlich: Das mit der doppelten Haushaltsführung tut schon echt weh. Und gleichzeitig ist das eben meine Definition von Luxus: Ich kann es erstmal finanzieren, bis die soziale Situation um mich herum sich beruhigt hat. Bis ich weiß, wo meine Schwester bleiben wird und ob ich vielleicht langfristig doch eher hier in der Umgebung Oberärztin werden möchte. Bis ich weiß, wie es mit dem Freund weiter geht und es vielleicht sogar denkbar wäre, dass ich dann am Wochenende vielleicht sogar sicher bei ihm wohnen könnte. Was sich im Freundeskreis so tut. Ich bin ehrlich – ich freue mich auch, dass ich in zwei Stunden in der Studienstadt bin und vielleicht auch mal einfach an einem random Wochenende meine Freunde sehen kann. Vielleicht – wenn ich dann Dienste mache – auch mal öfter bei Frau Therapeutin vorbei schauen kann.
Und weißt Du – ich glaube, manchmal muss ich einfach vertrauen, dass Dich für mich freuen würdest. Ich finde es in den letzten Tagen manchmal einfach so krass, was ich in den letzten Jahren geschafft habe. Was für eine krasse Facharztausbildung ich hinter mit habe in einem Fach von dem ja klar war, dass es in erster Linie Sprungbrett sein sollte. Krass, dass ich mich danach einfach für mich selbst entschieden habe, statt mich auf dieses „jetzt muss man Oberärztin werden – Ding“ einzulassen. Krass, dass ich jetzt bald für immer therapeutisch arbeiten darf, wenn ich das möchte.
Für diesen Sommer habe ich übrigens ein neues Hobby: Ich möchte viel mehr Fahrrad fahren und die lezten Wochen klappt das echt schon ganz gut.
Halt die Ohren steif, okay?
Du fehlst hier – aber ich weiß, dass Du so viel der Vergangenheit mitgezeichnet hast, dass Du für immer ein Teil von mir bleiben wirst
Mondkind

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