Reisetagebuch #4 und Urlaubsende
Die letzten Tage Center parcs waren dann eigentlich so, wie man sie noch aus den alten Zeiten kannte. Damals waren wir morgens immer im Schwimmbad und am Nachmittag wurde dann nach einer Mittagspause eine Radtour gestartet. Für mich waren das als Kind die allerschönsten Urlaube. Manchmal war mir das Brutzeln am Meer im Sommer am Ende echt zu viel, aber im Center parc ist es wirklich nie langweilig geworden. Einzelne „Sonderaktivitäten“ waren auch immer mal wieder eingestreut, wie ein Besuch im Streichelzoo, wo im Frühling die Lämmer meist gerade erst geboren waren. Es gibt Fotos von uns Beiden mit Lämmern auf dem Schoß. Manchmal waren wir auch noch Minigolf spielen oder haben andere der angbotenen Indoor – Aktivitäten gemacht, wenn es draußen zu kalt oder zu regnerisch war. Es gab durchaus Jahre, da waren wir im Schnee dort, wenn die Osterferien sehr früh waren und die Winter sehr lang.
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Der Rückweg war dann wirklich lang. Wir sind gegen 15 Uhr aufgebrochen und ich habe mich schon gefragt, ob wir nicht noch ein oder zwei Stunden länger hätten unsere Zeit dort genießen können, aber am Ende war ich nach viel Stau und viel Hitze kurz vor Mitternacht wieder zurück. Zwischendurch habe ich nur eine einzige Pause in meiner neuen Wohnung gemacht – die lag nämlich am Weg und ich wollte nochmal nach der Luftfeuchtigkeit schauen.
Die letzten Tage habe ich dann mit Auspacken, Wohnung putzen, ein paar administrativen Dingen und Chillen am See verbracht. Meine Oma und ihr Partner sind auch gerade in der Nachbarstadt – die haben wir auch besucht. Leider können die Beiden das Hotel bei der Hitze gar nicht verlassen und mittlerweile sind sie doch in einem Alter, in dem Reisen eher beschwerlich ist. Es wird wohl der letzte Urlaub sein und irgendwie tut es mir leid, dass sie die Gegend hier nicht so erkunden können, wie sie das geplant hatten.
Ein Blick in die Dienstpläne bis Ende August hat auch besagt, dass jede freie Minute vom Prinzip her zu genießen ist. Abgesehen von den beiden Konzertwochenenden bin ich nämlich für nahezu jedes Wochenenende zum Arbeiten eingeplant. Ob drei von fünf Sonntagen im August jetzt unbedingt sein müssen? Es gibt aktuell wenige, aber immerhin noch ein paar dienstfähige Ärzte – ob 60 % der Sonntage da unbedingt von einer Ärztin allein getragen werden müssen, halte ich ja für sehr fraglich. Aber gut – meine Zeit in dem Laden ist mittlerweile begrenzt und für den Fall, dass ich von denen doch nochmal etwas brauche, halte ich jeztzt einfach die Füßchen still und lasse das über mich ergehen. Immerhin wird man das auch am Gehalt merken und ein paar Groschen mehr, wenn man eine Zweitwohnung finanzieren muss, sind jetzt auch nicht verkehrt.
Allerdings hat meine sonst seit Jahren so käseweiße Haut mal ein bisschen Farbe bekommen – letztes Jahr war da glaube ich gar nichts möglich wegen des Facharztes – sodass ich in der Woche sicher schon einiges richtig gemacht habe, was Sonne genießen betrifft.
Was aber auch immer ein bisschen bleibt am Ende von solchen Urlauben, ist die Frage nach der Heimat. Ehrlich gesagt habe ich ja in der Studienstadt per se gar nicht lange gelebt. 2017 bin ich von einer Nachbarstadt, wo ich die Jahre zuvor bei einer Familie ein kleines Zimmer bekommen hatte, endlich umgezogen, nachdem ich einen der heiß begehrten Plätze im Studentenwohnheim bekommen hatte. Im Herbst 2019 bin ich dann schon hierher gezogen. Und doch fühlt sich die Studienstadt fast mehr wie „zu Hause“ an, wie jeder andere Ort. Manchmal denke ich mir, vielleicht hätte ich dorthin zurück gehen sollen, obwohl ich ahne, dass mich die Vergangenheit dann vielleicht nie los lässt. Und manchmal denke ich, es liegt ein Stück weit auch daran, dass dort die besten Erinnerungen sind. Dort habe ich viel Zeit mit dem verstorbenen Freund gehabt, war ich zum ersten Mal wirklich frei und unabhängig. Ich hatte ein Fahrrad und die Bahn ist fast überall hingefahren – nachdem ich vier bis fünf Stunden pro Tag an Zeitgewinn hatte, weil ich nicht mehr so lange pendeln musste, konnte ich mich auch mal verabreden, spontan ein bisschen länger an der Uni bleiben, um noch einen Kaffee zu trinken. Ich kann mich erinnern, irgendwann bin ich mal nachts um eins oder um zwei mit dem Fahrrad von der Bahn durch die Uni zum Wohnheim gefahren – neben mir ist ein Auto von der Security gefahren, bis ich fast da war – und ich habe mir da überlegt, wie verrückt und verdammt schön das Leben sein kann. Sich mit Freunden treffen, die Abende am Fluss verbringen – das waren alles Dinge, die es jahrelang und vielleicht so überhaupt noch nie gegeben hatte. Leben an sich schien das erste Mal ein bisschen machbar.
Und ich frage mich, wie ich in ein paar Jahren auf die Zeit hier zurück blicken werde. Denn hier war mit all diesen Freiheiten dann erstmal wieder Schluss. Die ersten Jahre hatte ich kein Auto – jede Fahrt in die Studienstadt musste sorgfältig geplant werden. Freunde hatte ich hier erstmal nicht und auch jetzt sind quasi alle Menschen die ich kenne, Kollegen. Und Treffen zu organisieren, ist wenn alle im Dienstsystem arbeiten, echt schwierig. Und selbst als ich dann ein Auto hatte und mobiler war – aber mittlerweile haben die meisten Familie und man trifft sich nicht abends irgendwo und genießt dort den Sommer. Das Auto hat mir viel Mobilität geschenkt und ich schätze diese Freheit immer noch sehr und bin mir dem Luxus, der das ist auch bewusst – und trotzdem war hier viel auf Arbeit, Dienste, Facharzt, sich einen Stand in der Klinik und als Ärztin zu erarbeiten, ausgelegt. Ich kann mich auch erinnern, dass ich den Menschen damals immer erzählt habe, dass ich hier nicht wegen der hohen Lebensqualität herkomme, sondern einfach, weil ich glaube dass der Standort hier mir den Facharzt zu meinen Ideen gut ermöglichen kann. Ich wollte eine große Klinik, aber keine Uniklinik. Und dennoch habe ich hier sieben Jahre gelebt, mein Hauptwohnsitz bleibt auch erstmal weiterhin hier. Und vielleicht ist das etwas, das am Ende bleibt. Auch, wenn ich woanders sein werde, aber viele Dinge bleiben doch mit dem Ort verknüpft und der Ort hier wird erstmal „mitgedacht“, wenn ich von meinem Leben spreche.
Aus ähnlichen Überlegungen wie am Ende des Studiums heraus, ist die Idee für die neue Facharztausbildung am neuen Standort entstanden. Und ich bin mir noch nicht sicher, ob es sich dort irgendwann wie Heimat anfühlen wird.
Sich ein stückweit zu verorten bleibt also weiterhin eine Aufgabe. Und das wird mir immer gerade dann bewusst, wenn ich nach nur wenigen Tagen über 1000 Kilometer mehr auf dem Zählerstand habe und eigentlich „nur“ meine Orte, die mir ein bisschen ein Gefühl von Heimat geben, abgeklappert habe.
Mondkind


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