Von einem Coaching - Termin
Weil ich dich brauch'
Man,
das kann doch nicht sein
Dass du wieder schreibst
Und nach all
der Zeit
Tipp' ich wieder deine Nummer ein
Ness - Deine Richtung
***
Montagmorgen. Frühbesprechung.
Nachdem alle Übergaben von den Wochenenddiensten gelaufen sind und der Chef uns schon an die Arbeit schicken möchte, kommt ihm doch noch in den Sinn, dass wir ja Präventionstag hatten. Zumindest werde ich in der Frühbesprechung nochmal im Helferteam erwähnt und es wird auch hervorgehoben, dass ich erst beim Präventionstag war und danach noch in den Nachtdienst gegangen bin. Ich habe zwar schon gehofft, dass ich mir die Stunden als Überstunden aufschreiben darf – aber letzten Endes ist sowieso auch unklar, was mit den ganzen Überstunden passiert. Aber zumindest möchte ich auch nochmal mein Engagement unterstreichen. Wie mit einem Textmarker leuchtend hervorheben, dass hier nicht irgendwer geht. Ich wäre so gern hier geblieben, wenn die Neuro und die Psychosomatik zusammen sich eine Lösung überlegt hätten.
Den Kardiochirurgen habe ich indes nochmal bewusst versucht auf den Topf zu setzen, bevor ich heute einen Termin bei der Coaching – Frau haben würde. Denn bevor wir uns Gedanken machen, wer wann bei wem übernachtet und mit wem in den Urlaub fährt, brauchen wir halt erstmal eine Antwort auf die Frage, ob es denn von uns beiden ein Commitment zur dieser Beziehung gibt. Ansonsten können wir uns alle darüber liegenden Fragen doch sparen und werden darauf auch nie eine Antwort finden. Zuerst muss doch klar sein, dass beide sich einig sind, genau jetzt eine Beziehung wollen und alles dafür tun werden, damit es eine wird. Wenn man die übergeordneten Fragen nicht lösen kann, hilft vielleicht nochmal ein Schritt zurück, dachte ich mir.
Der Kardiochirurg hat dann sogar mal zurück geschrieben. Nur auf den Topf setzen, lässt er sich nach wie vor nicht. „Ich erinnere mich, dass wir dieses Gespräch auch schon mal hatten“, schreibt er. Ja no shit Sherlock... Und „Und gleichzeitig möchte ich eigentlich auch keine Fernbeziehung.“
Der Satz ist dann übrigens schon wieder derjenige, bei dem mir die Hutschnur reißt. Also bitte wie oft habe ich ihn versucht miteinzubeziehen in meine Überlegungen zur Psychosomatik und auch darin, woanders hinzugehen. Wir sehen uns unter der Woche sowieso fast nicht – und nein, das ist nicht schön, aber damit ist Abwesenheit unter der Woche auch kein großes Opfer und schafft – im Gegenteil – vielleicht sogar ein Bewusstsein für das, was wir immer hätten haben können, aber aber jetzt gerade wirklich nicht mehr geht.
Ich bitte ihn nochmal um eine wirklich eindeutige Rückmeldung – da würde ein Ja oder ein Nein ja schließlich reichen – vor dem Termin, aber die bekomme ich nicht mehr.
Es ist 18 Uhr - Ness schmettert gerade „Weil ich Dich brauch...“ - als ich ums Eck biege und mein Auto vor dem blauen Haus parke.
Wie es mir geht, will sie wissen, nachdem wir mit Smalltalk eingestiegen sind und sie berichtet, dass ihr Man nsich um den Präventionstag gedrückt habe. Das habe ich gemerkt, aber die hatten halt auch noch Urlaub bis heute. Ich führe aus, dass ich es immer noch genieße einfach mehr Energie zu haben und der Kopf abends dann auch einfach mal ausgeschaltet wird. Es ist morgens nicht mehr so schwer aufzustehen, die Arbeit fällt mir leichter, ich bin netter zu meinen Mitmenschen, denen das auch auffällt. Das ist gut.
Aber das große Ganze – das wackelt gerade sehr.
Ich erzähle vom anstehenden Urlaub; davon, dass der Freund und ich den wieder nicht zusammen verbringen werden und davon, dass ich versucht habe ihn bis zu diesem Termin zu einer Aussage zu bewegen, damit ich eine Instanz habe, die mich auffängt, wenn die Welten fallen.
Ich berichte von diesem Satz, dass er eigentlich keine Fernbeziehung möchte. „Was hat das mit Ihnen gemacht?“, fragt sie. „In erster Linie hat es mich wütend gemacht. Weil ich ihn so oft gefragt habe, weil er nie etwas dazu gesagt hat und jetzt so tun kann, als wäre es meine Schuld, wenn er sich gegen die Beziehung entscheiden muss, weil ich ja Diejenige bin, die gegangen ist.“
Es geht dann nochmal um ein Gespräch von dem Kardiochirurgen und mir, in dem er mir vorgeworfen hat, dass ich ja nie so richtig abends in seiner Wohnung gewesen wäre, obwohl ich ja schon seit Ewigkeiten einen Schlüssel gehabt hätte. Ja, stimmt irgendwo schon. Aber es war eben auch nicht so, dass ich den Schlüssel ausgehändigt bekommen habe mit den Worten "Schau Mondkind, hier hast Du meinen Schlüssel und ich würde mich echt freuen, Dich hier abends zu sehen." Ich habe ihn einfach nach irgendeinem Blumengieß - Dienst oder Paket - Annahmedienst mal behalten und nicht brav auf die Kommode zurück gelegt - primär, damit ich wenn ich mal etwas vergessen haben sollte, schnell nochmal rein kann.
"Ich weiß nicht...", sage ich. Vielleicht hat er das wirklich erwartet, aber ich mache Dinge die ich tue, immer an meinem Erleben fest und ich fände es jetzt nicht so cool, wenn da so völlig unerwartet jemand auf meinem Sofa chillt, wenn ich nach Hause komme. Ich denke, das sollte man schon absprechen. Aber vielleicht sieht er das anders, vielleicht erwartet er das auch anders von mir und das ist ja aber genau der Punkt. Wir haben nie über unsere Vorstellungen gesprochen, was wir uns vom anderen wünschen, was okay wäre, was eine Grenzübertretung ist, was wir so erlebt haben in unserem Leben und wie wir unsere Maßstab kreiert haben." Das versteht sie dann auch.
Ich versuche sie mir ein Stückweit einzufangen, was gar nicht einfach ist. Die meisten Menschen verstehen nicht, wo ich bin, wenn ich sie nicht genau mit dem Finger darauf hinweise. Denn als sie anfängt zu erzählen, was für Möglichkeiten der neue Ort mir bieten könnte, steige ich wieder aus.
„Wissen Sie – es geht nicht um das, was ich alles erreichen könnte. Ich habe alles getan, was man von mir wollte. Ich habe ein Einser – Abi mitgebracht, ich habe studiert, ich bin Fachärztin geworden. Und das alles in einer passablen Zeit. Ich habe viel für die Gesellschaft getan, bin die Nächte durchgerannt für andere, habe Dienste übernommen, als sonst niemand mehr konnte. Aber was ich nie geschafft habe ist es, horizontale Beziehungen aufzubauen, die tragen.“
Und dann berichte ich, dass ich – auch jetzt, wo bald wieder der Todestag ansteht – nochmal viel über horizontale und vertikale Beziehungen nachgedacht habe. Es waren immer die vertikalen Beziehungen die langfristig – teils über mehrere Jahre – getragen haben. Und gleichzeitig sind das nicht die Beziehungen, nach denen man sein Leben ausrichten kann. Denn diese Menschen können einfach gehen. Einfach, weil die vertikalen Beziehungen entweder an ein Machtgefälle oder eine Institution gebunden sind. Ich erwähne dann nicht, dass ihr Mann gerade die für mich wichtigste vertikale Stütze ist. Ich würde es manchmal gern, aber ich weiß nicht, wie sie das findet und ich möchte nicht, dass das meine Beziehung zum Intensiv – Oberarzt beeinträchtigt. Als Beispiel nenne ich dann aber die Ambulanz. Und gleichzeitig konnte ich mir mein Leben nicht um die Ambulanz herum aufbauen – auch, wenn da meine Therapeutin sitzt, die mittlerweile wahrscheinlich die meisten meiner Meilensteine mitbegleitet hat. Aber sie könnte auch morgen kündigen.
Sie fragt dann nach horiziontalen Beziehungen. „Ja – und das ist der Punkt. Die gibt es entweder nicht, oder die sind mir immer wieder zerfallen. Und ich glaube – auch das ließ sich in der Beziehung nie thematisieren – eine Beziehung hat einfach einen anderen Stellenwert, wenn man keine Familie im Hintergrund hat, die eben auch noch da ist.“ Die Freunde wohnen zu großen Teilen in der Studienstadt und ja – ich habe mich bemüht dort zu sein – und gleichzeitig kann ich es denen nicht verübeln, dass in Erzählungen kommt „Meine beste Freundin Mondkind, mit der habe ich letztens xy gemacht.“
Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber mich verstanden hat, denn sie möchte dann wieder abbiegen auf: „Sie müssen halt Pläne machen für schöne Aktivitäten dort.“ Kleine Randnotiz: Mein bester Kumpel aus der Studienstadt hat mir letztens erklärt, dass Coaching keine Therapie ist. Die Leute haben keine Psychotherapieausbildung und sind es gewohnt, dass man mit einem definierten Problem zu denen kommt, zu dem eine Lösung erarbeitet wird. Das ist weniger „Mein ganzes Leben ist eine einzige große Baustelle.“ Das hat mir echt geholfen, nachsichtiger mit ihr zu sein.
„Wissen Sie – das Problem ist, dass Ideen für schöne Aktivitäten eine ziemlich untergeordnete Rolle spielen, wenn man gerade nicht weiß, ob man den Sommer überlebt.“
Sie notiert etwas auf ihrem Klemmbrett. Ich frage mich, ob meine Ausführungen jetzt schlau sind, aber die Frau wird immerhin dafür bezahlt, dass sie sich meine Gedanken anhört. „Es gibt halt immer so zwei Formen von einer gewissen Müdigkeit vom Leben. Das eine ist diese wirklich akute Suizidalität, was wir auch schon vor ein paar Wochen hatten. Das ist akutes, impulsives Überforderungserleben. Die andere Version davon ist eher so eine allgemeine Hoffnungslosigkeit. So ein „Ist es nicht okay, das Leben irgendwann gehen zu lassen, wenn man es sich nie so hindrehen kann, dass es sich annehmbar anfühlt? Und das klingt vielleicht immer komisch, oder erschreckend für andere, aber wir haben das schon in der Psychiatrie tausendfach hoch und runter diskutiert. Das kommt eben immer genau dann, wenn die Schwelle zu dem was einem im Leben drin hält, echt niedrig ist. Für mich am Wichtigsten sind immer schon soziale Beziehungen gewesen und ich konnte keine finden, die auf horizontaler Ebene bleiben können. Und da geht es weniger um einzelne Menschen, sondern eher, dass ich kein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit habe und dass mir das so sehr fehlt, dass ich mein Leben für nicht lebenswert halte, wenn ich das nicht schaffen kann. Das ist so viel Fehlen, so viel Ballast, dass ich das nicht ewig aushalten will.“
„Also wissen Sie, ich habe meinen Platz hier mit 51 Jahren gefunden. Also... nicht hier in der Praxis. Sondern da drüben“, sagt sie und deutet in Richtung Haus. Ich hab mich schon immer gefragt, was er gerade macht, wenn ich mit ihr hier abhänge. Und ja – das ist schön für sie. Aber ich kann das nicht bis 51 aushalten. Und manchmal denke ich mir, ich glaube, was den Intensiv – Oberarzt ausmacht ist, dass er echt eine treue Tomate ist. Er kümmert sich um die Menschen, die ihm wichtig sind. Er ist da, er strahlt Sicherheit aus, er hat immer irgendeine Idee, die Dinge zu lösen.
Am Ende kommen wir nicht sehr viel weiter. Aber ich glaube eben auch, dass man mir da gerade nicht groß helfen kann. Mein Problem ist, dass ich da so viel Abhängigkeit von den äußeren Umständen fühle. Ich kann alles tun, was in meiner Macht steht und es kann trotzdem sein, dass es am Ende nicht reicht. Und es wäre nie ein „ich gehe gerne von dieser Welt.“ Es wäre immer ein „Ich hätte gern noch so viel erlebt, ich hätte gern gewusst, was ich noch alles schaffen und erreichen kann, aber das Leben jetzt fühlt sich so schwer und so auswegslos an, dass ich es über das Jetzt gerade nicht mehr hinweg schaffe.“
Auf dem Rückweg versuche ich den Kardiochirurgen anzurufen.
Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.
„Ich habe eine bisschen Angst“, habe ich gesagt, bevor ich gegangen bin. „Es könnte ja sein, dass heute Abend die Welten fallen.“
Mondkind

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