Von Präventionstag und Vielleicht in der Beziehung
Am Samstag war Präventionstag bei uns am Campus. Eigentlich wollte ich nur eins, zwei Stündchen zum Aushelfen kommen, weil ich danach auch noch Nachtdienst haben würde, aber da sich sonst Niemand aus der Assistentenriege gemeldet hat, bin ich dann doch sechs Stunden da geblieben.
Die Neurologie hat Doppleruntersuchungen der Halsgefäße angeboten und das war das, was ich sechs Stunden ununterbrochen gemacht habe. Und ehrlich gesagt: Es war richtig schräg.
Unser Zelt stand praktisch direkt neben der kleinen Bühne, auf der ein DJ engagiert war und der hat gar keine schlechte Musik gemacht für meinen Geschmack. Allerdings war es beinahe so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstanden hat.
Vor unserem Zelt stand eine lange Schlange und irgendwie wollten ja alle zu mir und dass ich mir zwei Minuten im Schnelldurchlauf die wichtigsten beiden Gefäße anschaue.
Und während ich Einen nach dem Anderen geschallt habe, mein Fuß im Takt der Musik gewippt ist und mir zwischendurch in den Sinn kam, dass das ein ziemlich schräges Setting ist für eine qualifizierte medizinische Untersuchung, bei der man ja doch manchen Patienten nahe legen muss, sich zeitnah beim Neurologen vorzustellen, habe ich mich gefragt, wie sich wohl jemand wie Florian Künstler in solchen Situationen fühlt. Da steht eine riesig lange Schlange, alle wollen zu ihm um ein Autogramm zu bekommen und kurz mit ihm zu quatschen und Du denkst: „Hey ich bin doch eine ganz normale Person“, aber Du hast etwas an Dir, das andere nicht haben. Florian Künstler kann singen, ich kann schallen. (Ich würde lieber singen können, oder mit Schreiben mein Geld verdienen, aber weil ich das nicht kann, muss ich halt andere Skills auspacken...)
Auf jeden Fall hat mir das ehrlich gesagt sogar echt viel mehr Spaß gemacht, als ich das so vermutet hatte. Ursprünglich war es nur als kleine Ablenkung gedacht, weil der Kardiochirurg sowieso Dienst hatte.
Apropos Kardiochirurg.
Ich habe nochmal einen kleinen Versuch unternommen, auf ihn zuzugehen. Ehrlicherweise muss ich ja zugeben, dass es mir die ersten fünf Monate des Jahres gar nicht gut ging und es wahrscheinlich retrospektiv doch eher eine depressive Episode war, sodass ich auch einräumen muss, dass unser Mangel an Kontakt auch an mir lag. Mir war einfach alles zu viel, ich konnte mich nicht mehr engagieren, wie ich das gewollt habe und der Kardiochirurg konnte das natürlich auch nicht gut nachvollziehen, wenn ich selbst nicht wusste, was mit mir los war.
Aber ja... so erfolgreich war das jetzt alles auch nicht und daraus ist noch ein kleiner Text über ein „Ja zur Beziehung“ entstanden.
***
In Zeiten wie diesen funktioniert es immer perfekt. Weckt irgendwie die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch etwas werden kann.
Es funktioniert immer dann, wenn wir uns ein bisschen haben. Aber eben nicht so ganz. Und wenn auch ganz klar ist, dass das gerade nicht an uns, sondern am Außen liegt. Weil einer Tag- und einer Nachtdienst hat und man die Dienstpläne natürlich immer noch nicht absprechen kann und die Kardiochirurgie ihre Dienstpläne wohl sowieso erst zwei Tage vor dem neuen Monat macht, während wir den in der Regel schon zwei Monate davor kennen.
Es funktioniert immer dann gut, wenn wir uns vielleicht gerade mal zum Essen sehen, einer von beiden grundsätzlich schon fast komatös. Es funktioniert dann, wenn da keine Zeit für Nähe ist, nicht mal, um morgens fünf Minuten zu kuscheln, weil der Wecker nicht oder zu spät klingelt, oder man hat ihn nicht gehört.
Aber weißt Du, wann es die nächste Eskalation geben wird?
Donnerstag. Oder Freitag. Oder allerspätestens Samstag.
Und weißt Du warum? Weil ich für Dich – zumindest kommt da aus allem was Du sagst und tust, oder auch eben nicht tust so an – ein Plan B bin. Ein Vielleicht. Ein Mensch zu dem man zurück kommen kann, wenn es gerade bequem ist.
Dabei sollte eine Beziehung ein volles Ja sein. Und in dem Moment, in dem ich so sehr spüre wieder ein Vielleicht zu sein, tut es weh.
Und ein Ja für eine Beziehung heißt eben, dass man nicht ständig alles neu verhandeln muss. Ein volles Ja heißt, in jedem Moment hinter der Partnerin zu stehen. Ein volles Ja heißt, dass man nachdem man gemeinsame Urlaubspläne gemacht hat, nicht vorher wieder ausdiskutieren muss, ob das denn jetzt unbedingt sein muss, gemeinsam Zeit zu verbringen und Erinnerungen zu schaffen. Ein volles Jahr heißt Sicherheit in der Beziehung zu spüren und nicht ständig Angst haben zu müssen, dass der Partner einem wieder ausweicht, dass geplante Unternehmenung platzen, dass man zwei Konzertkarten hat und nicht weiß, ob man denn dieses Konzert zusammen verbringt. Ein volles Ja heißt, gemeinsame Wochenende zu planen, die unverrückbar geblockt sind, außer irgendwer wird plötzlich schwer krank oder stirbt im Umfeld. Ein volles Ja heißt, die Partnerin in das eigene Leben zu integrieren, sie endlich mal Familie, Freunden vorzustellen, den Flugplatz zu zeigen, wenn man so viel Zeit dort verbringt. Ein volles Ja heißt, sich zu bemühen einen gemeinsamen Alltag zu schaffen, Routinen aufzubauen, in denen der andere selbstverständlich integriert ist und nicht ständig um Eintritt in das Leben des anderen bitten muss.
Und in dem Moment, in dem all das ein Vielleicht ist, ist es eigentlich auch schon zu viel nein für eine Beziehung.
Und genau das wird der Grund sein, warum wir allerspätestens nächstes Wochenende die nächste Krise haben werden, warum die Krise danach spätestens das Wochenende mit dem Florian – Künstler – Konzert wird und vielleicht manche Krisen spontan dazwischen kommen. Wenn ich zum Beispiel nicht informiert werde über spontan übernommene Dienste, über Überstunden, die es nicht möglich machen, den Partner am Abend zu sehen. Weil der Kern ein Ja zur Beziehung sein muss, weil jedes vielleicht auf so feste Füße gestellt werden muss, dass es mich nicht wie ein Vielleicht fühlen lassen sollte. Krise gibt es immer dann, wenn wir ein Vielleicht werden.
Mondkind

Kommentare
Kommentar veröffentlichen