Eine Art von Urlaubstag

 „Kann ich mein Handy haben?“, fragt er und greift schon in die Badetasche, die neben mir steht, 
während ich gerade meine noch nassen Haare kämme.
„Warte – ich weiß genau wo es ist; Du musst nicht alles umwühlen jetzt“, stoppe ich ihn.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Frau neben uns schmunzelt. 
Für den Moment wirken wir, wie ein ganz normales Paar.


***
Mittwoch. 
Ich war Dienstagabend erst spät vom neuen Ort wieder zu Hause und dementsprachend schaue ich etwas verschlafen aus der Wäsche, als der Wecker klingelt. Der Kardiochirurg hatte Dienst und wir wollten uns als Erstes zum Frühstück treffen. Deshalb denke ich, es wäre gut wenn ich bis 08:30 Uhr fertig wäre, damit es nicht zu viel Leerlauf zwischen Dienstende und Frühstück gibt. 
Es wird eines der letzten Male sein, dass wir einfach so unter der Woche in das Cafe direkt neben meiner Wohnung zum Frühstück spazieren können. 
Der Dienst war wohl relativ ruhig, sodass ich jetzt einen auch relativ wachen Partner habe. „So ruhig, dass ich nicht mal etwas darüber erzählen kann“, sagt er; berichtet dann aber doch, dass die Neurologen versucht haben, einen Patienten von der Kardiochirurgie zu stibizen. Dummerweise haben die Neurologen dabei nur vergessen, eine gar nicht mal unwichtige Untersuchung anzumelden, was dann wohl morgen nachgeholt wird. Manchmal fehlt mir die Neuro schon, muss ich sagen. 
Während des Frühstücks einigen wir uns, dass der Kardiochirurg noch seinen Opa besuchen fährt, der weiterhin im Krankenhaus ist und wir danach losfahren in die Therme. Auf dem Rückweg macht er noch einen Stop beim Friseur, sodass wir am Ende dann doch erst ziemlich spät loskommen. Pünktlichkeit wird in diesem Leben wohl auch nicht mehr ganz seine Stärke werden. Er ist wie meine Oma – wenn es wirklich wichtig ist, sagt man am Besten, dass man mindestens eine halbe Stunde früher los muss. Aber im Fall von der Therme war das nicht so wichtig. 

Fünf Stunden bleiben uns noch, um uns durchs Wasser treiben und in der Sauna schwitzen zu lassen. Keine Ahnung – so lange bin ich ja noch nicht drin in diesem Thermen – Ding; damit haben der Kardiochirurg und ich eigentlich zusammen in unserem ersten Winter angefangen, aber wenn es einen Ort gibt, an dem ich mich wirklich entspannen kann, dann dort. Wahlweise chillt man irgendwo im Wasser, steckt die Nase ins Buch oder lässt sich halt wechselnd etwas durchheizen und abkühlen und dazwischen gibt es wenig Platz für anderes. 

Und irgendwie ist es schwer zu beschreiben, aber seitdem die Verbindung zwischen uns beiden etwas zurück ist und wir quasi nicht „nebeneinander“ in der Therme sind, sondern eher „miteinander“; ist es auch einfach wieder sehr schön. 
Eigentlich wollten wir danach noch etwas essen gehen; ich hatte indisch vorgeschlagen, aber zum Einen hat das Restaurant nicht mehr so lange offen, sodass wir uns würden beeilen müssen und zum Anderen habe ich ein bisschen Sorge, dass ich danach so müde werde, dass ich nicht mehr zurück nach Hause fahren kann. Denn den Kardiochirurgen in meinem Auto im dienstfrei fahren zu lassen, wenn die Nacht davor ja nun doch eher tendenziell kurz war, ist keine Option. Ich weiß, dass er fahren kann. Ich weiß, dass er aber auch schnell müde wird, wenn er nichts zu tun hat und das möchte ich nicht riskieren. 
Am Ende bringe ich uns sicher nach Hause, der Kardiochirurg zieht in der Zeit seinen Kapuzenpulli bis zur Nase und schläft schon ein wenig. Zu Hause gibt es noch ein paar flotte Rote – Beete – Nudeln, was auch total in Ordnung ist und dann fallen wir auch todmüde in die Betten. 

Donnerstag 
Als das Licht das erste Mal die Nase kitzelt an diesem Morgen ist es schon neun Uhr. 
Nachdem ich schnell ein paar Sachen für das Frühstück eingekauft habe, überlegen wir, was wir heute machen können. In der Nachbarstadt gibt es einen kleinen Tierpark, auf dem die Tiere auch frei über das Gelände laufen können und wenn man Glück hat, dann kommen sie doch zu einem hin. Ich hatte schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, dass wir dorthin könnten, aber dann hatte der Park zu. Deshalb versuchen wir das heute nochmal.

Und irgendwie genieße ich das richtig, ihn so entspannt neben mir zu haben. Dass wir überhaupt mal wieder miteinander reden können, über alltägliche Dinge. Das man ihn mal wieder lachen sieht. 
Irgendwie fühlt es sich auch ein bisschen unbeholfen an, weil es eine Situation ist, die wir so lange nicht hatten. Aber schön ist der Moment auch. 
Später gehen wir noch einen Kaffee trinken und auch das war in der letzten Zeit immer irgendwie anstrengend. Man hat ihn gar nicht ins Gespräch bekommen, sodass im Cafe sitzen meistens zu einer recht schnellen und stillen Angelegenheit geworden ist. 

Am Abend wollen wir uns noch ein wenig Zeit zum Kochen nehmen und einen Film schauen. Er ist aber super platt als wir nach Hause kommen. Ich bin ehrlich gesagt auch recht müde, aber ich biete an, dass ich Einkaufen gehen kann und er sich ausruht. Immerhin bin ich immer noch diejenige mit dem Urlaub; auch wenn sich das nicht so anfühlt. Er nimmt das Angebot dankend an. Ich fahre noch an meiner Wohnung vorbei, um die gewaschenen Gardinen und den Staubsauger einzuladen und dann renne ich noch schnell ein Mal durch den Supermarkt und kaufe alles ein, was wir brauchen. 
Der Abend wird dann auch noch richtig schön. Es ist das erste Mal seit langer Zeit wirklich ein gemeinsames Kochen und auch den Film suchen wir mal gemeinsam aus. Der war so ein bisschen semi – gut, aber das macht auch gar nichts. 
Und viel zu spät für einen Donnerstagabend löschen wir das Licht. 


Freitag. 
Für heute hat sich der Techniker in der neuen Wohnung angekündigt, weshalb ich schon nach dem Kardiochirurgen am Morgen aufstehe und mich fertig mache. Um kurz nach acht Uhr stehe ich schon auf der Straße und gegen Mittag rollt das Auto wieder auf den Parkplatz vor dem Haus. 

Der Techniker bemerkt sofort meine Skepsis darüber, ob das heute etwas wird mit dem Internet. „Naja – ich habe keine TAE – Dose hier; das ist das Hauptproblem“, leite ich ein. „Ja – dann wird es schwierig“, entgegnet er. „Ich könnte anbieten, dass ich mit Ihnen nochmal mitsuche, aber ohne die Dose werden wir hier kein Internet rein kriegen.“ „Naja – ich habe gelesen manchmal liegen die Kabel hinter irgendeiner Wand und es ist gar nicht so schwer?“, werfe ich ein. „Ja – aber auch dann weiß ich nicht wo die liegen und ich kann jetzt nicht einfach überall Ihre Wand aufklopfen.“ 
„Es gibt eine Dose“, sage ich und drehe mich in der Wohnung um, „von der weiß ich nicht, was die darstellen soll. Google hat gesagt, es ist am ehestens ein Lichtschalter, aber ich wüsste nicht, was der einschalten sollte.“ „Also die Abdeckung sieht aus wie von 1972“, sagt der Techniker. „Aber ich weiß auch nicht, was das sein soll“, ergänzt er und schlägt vor das Ding einfach mal abzuschrauben. Er findet allerhand Kabel hinter dieser ominösen Dose, macht irgendein Signal drauf und dann gehen wir in den Keller zum Verteilerkasten und schauen, ob wir das Signal finden. Und tatsächlich gibt es bald einen Piepton zu hören. Der Rest ist dann gar nicht mehr so schwer. Er überprüft die Leitungen, schraubt sie dann an eine herkömmliche Dose an und tadaa.... - ich habe Internet. Am Meisten freut mich daran, dass das Problem schon jetzt erledigt ist, ich keinen weiteren Techniker mehr hier brauche und somit keinen Termin mehr habe, wenn ich schon arbeite. Es fehlt jetzt nur noch das Bett, aber die können ja auch einfach anrufen ein paar Minuten bevor sie da sind und dann sprinte ich nach Hause und die stellen es ab. Das sollte in maximal 30 Minuten erledigt sein und ist die einzige Sache, bei der ich bei den Vorgesetzten um Kulanz bitten muss. 

Später gehe ich noch eine kurze Runde durch die Grünanlage der Stadt spazieren. Ich denke mir, vielleicht ist es gut, hier noch ein bisschen Spätsommerfeeling aufzusaugen. Die Bäume werden bald kahl sein und es wird wesentlich trister hier aussehen – wie das eben im Winter so ist. Ich denke, da kann es helfen zu wissen, wie schön es hier sein kann und wie es nächstes Jahr im Frühling wieder aussehen wird. 

Und als ich da so entlang spaziere, habe ich das erste Mal ein Gefühl von „vielleicht wird ja alles am Ende doch gut.“ Ich liebe meine neue, kleine Wohnung. Klar – die braucht noch eine Menge Deko und Persönlichkeit, aber ich mag sie jetzt schon, wo nur das „Rohgerüst“ steht. Ich liebe es, dass am Nachmittag sie Sonne rein scheint, bis sie unter geht und vielleicht habe ich sogar im Winter etwas von den letzten Sonnenstrahlen. Mehr als in meiner alten Wohnung wahrscheinlich sogar. Und der Job? Vielleicht wird der ja ganz cool. Ich mochte die Psychosomatik schon durchaus lieber und auch meine Freunde hatten mir zurück gemeldet, dass sie mich in der Zeit deutlich ausgeglichener und entspannter erlebt haben. 

Ich denke nochmal über den Kardiochirurgen nach. Und vielleicht – so kommt mir in den Sinn – muss man auch gar nicht alles bewerten und verstehen. Es ist, wie es eben ist. Es wäre schön gewesen, wenn wir diese Verbindung zwischen uns auch irgendwie hätten anders generieren können. Es wäre schön gewesen, wenn ich nicht hätte gehen müssen, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen mit dieser Beziehung. Wenn ich die Fähigkeit hätte, mich abzugrenzen und am selben Ort zu bleiben – da muss ich eindeutig noch dran arbeiten; sonst finde ich immer Gründe quer durchs ganze Land zu ziehen. 
Aber es ist jetzt so. Und ich spüre auch zwischendurch, wie ich schon ein bisschen zur Ruhe mit der Situation komme. Und wie dringend ich das auch brauche nach all diesen Monaten und Jahren. Ich wollte so sehr, dass er Teil meines Lebens ist und konnte einfach nicht verstehen, wieso er das nicht sein wollte. Aber irgendwie schafft dieser Ort hier auch ein neues Lebensgefühl, einen Abstand, neue Routinen. Ich kann genießen was da ist und gleichzeitig wissen, dass er eben die meiste Zeit in meinem Leben nicht mehr da sein wird. Dass wir weniger teilen werden. Dass wir keinen Anspruch mehr darauf haben können, Alltag im Leben des anderen zu sein. 
„Ich kenne Deinen Alltag nicht und wenn Du nicht darüber sprichst, bleibt er wie Deine Sachen in meinem Schrank.“ Revolverheld. „Liebe auf Distanz“. Eigentlich das Lied vom verstorbenen Freund und mir. Und das war irgendwie die härteste Zeile. Du kriegst das Lebensgefühl des anderen nicht mit, wenn Du nicht dabei bist. Es wird irgendwie einfacher, wenn aus einem „aber es könnte doch“ ein „es kann nun mal physisch nicht“ wird. 
Und während ich die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres auf der Haut spüre, bemerke ich auch eine Art innerliches Loslassen. Da ist ganz viel Traurigkeit. Aber das erste Mal seit langer Zeit auch ein Gefühl von „vielleicht kann das Leben an sich ja doch irgendwie okay werden.“ Ich habe eine super schöne Wohnung mit Sonne in den Abendstunden, ich habe einen Job, der bestimmt toll wird und ja – ich hätte gern einen Alltag mit einem Partner. Aber alles zu seiner Zeit. Und jetzt gerade gehen wir ein bisschen „back to the roots“. Und vielleicht finde ich dabei auch etwas, das zu lange verloren war. Ich war lange alleine in meinem Leben. Ich kann das. Vielleicht habe ich das zwischenzeitlich ein bisschen vergessen, in dem Versuche meinen Zielen hinterher zu jagen.
„Manche Dinge bleiben einem verwehrt. Aber es gibt immer Alternativen.“ Das hat mal ein Psychiater im Praktikum zu einem Patienten gesagt. Den fand ich damals schon unglaublich stark. Und wahrscheinlich ist das halt wirklich so. Wenn man sich dann irgendwann mal innerlich ein bisschen zurück lehnen kann. 

Als ich an diesem Abend nach Hause fahre, habe ich zwei Stunden einen Kumpel in der Leitung. Vielleicht sollte ich das einführen – in der Zeit reihum mit meinen Freunden zu telefonieren, in der ich sowieso im Auto sitze. Wir sprechen auch nochmal über die Situation. 
„Keine Ahnung – ich weiß nicht, ob das jetzt zu spät ist. Es ist irgendwie hart zu spüren, dass er sich jetzt wirklich mal bemüht und ich das grundsätzlich auch genieße, aber irgendwie ist zu viel passiert mittlerweile. Ich habe so viel bewegt, um da jetzt irgendwie Ruhe rein zu bringen; ich verstehe ihn nicht, ich kann so wenig damit anfangen. Das hätte er vor 10 Monaten machen müssen und nicht jetzt. Ich meine, ich habe das alles so gelöst, um alle Optionen zu haben. Deshalb ist es ja jetzt auch ein kleines finanzielles Desaster, an dem er sich natürlich nicht beteiligt. Ist ja auch nicht sein Problem; ist schon okay. Aber dann non – verbal zu vermitteln: „Du pass mal auf Mondkind, ich wusste schon immer, was Du von mir wolltest, ich hatte nur keinen Bock“, tut irgendwie nochmal anders weh. Das entwertet irgendwie so viel.  Und grundsätzlich ist Fernbeziehung ja immer noch keine Option. Und grundsätzlich ist es immer noch so, dass unser gemeinsamer Urlaub bisher – wenn man die letzten Tage mitzählt – auf zwei Tage beschränkt war. Und das waren diese zwei Tage. Das ändert jetzt trotzdem nichts daran, dass ich mir gewünscht hätte in die Berge zu fahren – seit Jahren. Dass ich mir von ihm Nähe und Intimität wünsche – da ist nichts gelaufen seit über einem Jahr jetzt.“ Und nach einer Pause. „Ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich sagen will. Vielleicht will ich sagen: Ich weiß gerade nicht, ob ich diese Beziehung rehabilitieren wollte, selbst wenn wir es könnten.“ Ich glaube, das habe ich nie mit dieser Klarheit gespürt.

Eigentlich – wird mir klar – habe ich keine Ahnung, wie mein Leben weiter geht. Das mit diesen zwei Wohnungen ist auf keinen Fall lange tragbar. Ich denke, ich könnte auch mit einer Einzimmerwohnung leben, wenn ich die geschickt einrichte. Und es gibt so viel Stauraum dort, weil in den 80ern wohl doch irgendwie mitgedacht wurde, dass ich da sicher viel unter bringe. Einziges echtes Manko ist, dass ich dort keine eigene Waschmaschine habe. Aber wie wird sich das anfühlen, hier etwas zu beenden, das ja eigentlich längst zu Ende ist? Was mache ich mit dem erst recht neuen Sofa? Was mache ich mit meiner Waschmaschine – die existiert ja; ich kann sie nur nirgendwo anschließen und es gibt definitiv keinen Platz in meiner neuen Wohnung. 

Es gibt noch viel zu lösen, aber irgendwie haben wir es ja immer hinbekommen. Und wahrscheinlich wird es auch am neuen Ort einfach wieder Menschen geben, die einfach ihre Ideen einbringen oder vielleicht mit anpacken, wenn es darum geht, die Wohnung aufzulösen. Paradoxerweise war das in meinem ganzen Chaos die einzige Konstante. Es waren immer Menschen da für einen kurzen oder längeren Support. 

Mondkind

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