Von einem Telefontermin mit der Therapeutin
Montagabend gibt es noch Diskussion mit dem Freund. Fahre ich am nächsten Tag nochmal in die Studienstadt? 800 Kilometer an einem Tag nach zwei sehr anstrengenden Umzugswochen? Aber von meiner Mum kam auch ein SOS und sie würde sich wünschen, dass ich vorbei komme. Es liege ja am Weg, sagte sie. Also am Weg liegt es nicht und ich hatte ihr auch nicht gesagt, dass ich eventuell in die Studienstadt möchte. Der Freund befindet es für „Käse“, jetzt „10 Stunden durch die Republik zu gondeln für etwas, das man auch am Telefon lösen kann.“ Aber Telefon ist eindimensional, erkläre ich. Da muss man alles über die Worte lösen.
Ich bin immer noch unsicher und stelle mal einen Wecker auf halb 5. Da ich allerdings wieder erst gegen 2 Uhr einschlafe, ist das dann doch ziemlich hinfällig. Es geht einfach nicht bis zweieinhalb Stunden Schlaf auf den Konto.
Der Freund kommt am Morgen nach seinem Nachtdienst noch zum Frühstück und fast auf die Minute als er wieder los gezogen ist, ist es auch schon Zeit die Therapeutin anzurufen. Krass, dass ihre Nummer einfach seit Jahren auf meinem Schreibtisch liegt. Keine Ahnung wer die alles hat, aber es ist ihre sofortige Durchwahl. Aber sie weiß schon, dass ich sie niemals unabgesprochen einfach random anrufen würde.
Alleine die Frau in der Leitung zu haben, schafft Beruhigung. Wir können jetzt erstmal sprechen und so richtig auseinander fallen kann ich hier zunächst nicht. Zumindest fühlt es sich so an.
Ich erzähle nochmal die Geschichte. „Keine Ahnung, was passiert wäre wenn mir bewusst gewesen wäre, dass ich die Adresse eigentlich gehabt hätte. Sein Sterbedatum ist halt zwei Tage nach diesem fatalen Morgen. Es hätte also wohl selbst noch gereicht, wenn ich dann am nächsten Tag noch los gefahren wäre.“
Warum ich der Meinung bin, da so schuldig zu sein, fragt sie mich. „Mein Umgang war mit Notfällen halt vor sechs Jahren noch etwas anders“, leite ich ein. „Als der Freund gestorben ist, war ich noch nicht so lange in der Notaufnahme. Aber was immer wieder passiert ist war, dass ich wenn der Notfallalarm ging, einfach erstmal angewurzelt wie ein Baum in der Gegend herum stand und gar nichts gemacht habe. Irgendwann hat mir dann mein Oberarzt gesagt, dass ich mich schon bewegen müsste, wenn der Notfallalarm geht. Aber da war wie eine Klemme in meinem Kopf. (Das war übrigens schon immer so; ich kann mich an Situationen in der Fahrschule erinnern, an denen man dann einfach mal aufs Bremspedal hätte drücken sollen und ich das in meiner Starre auch nicht gemacht habe. Gab jedes Mal Stress...) Und das war echt ein krasses Gefühl damals, als es das dann das erste Mal geklappt hat und ich einfach mal in den Notfall rein gegangen bin. Und mit dem Freund war es doch dasselbe. Ich habe mir natürlich schon Gedanken gemacht, ich habe abgewogen, was ich tun kann und all die niederschwelligen Maßnahmen, wie ihn anzurufen, Nachbarn anzurufen, selbst vorbei zu fahren, sind erstmal raus gefallen. Ich hätte das nur eskalieren können und ihm die Polizei auf den Hals hetzen können und da hatte ich Hemmungen, obwohl das richtig gewesen wäre. Ich hatte aber Angst, die nehmen mich nicht ernst, wenn ich nicht mal weiß, wo er wohnt. Ich hatte Angst, er hat vielleicht einfach nur mal das Handy ausgemacht und möchte in Ruhe gelassen werden und dann mache ich so etwas. Obwohl ja ein Kontakt am Morgen abgesprochen war und er hätte eigentlich damit rechnen sollen, dass etwas passiert, wenn er nicht erreichbar ist. Aber zusammengefasst: Er hat da noch zwei Tage gelebt, ich war vermutlich die Erste die mitbekommen hat, dass etwas nicht stimmt und ich habe ihn da mehr oder weniger sterben lassen. Und aus dieser Kiste werde ich nie raus kommen. Und ich wusste das auch. Ich kann mich erinnern und auch wenn man die Tagebücher liest: Als seine Mum angerufen hat, war das keine Überraschung. Klar – das zieht einem trotzdem den Boden unter den Füßen weg, wenn es dann endgültig ist, aber ich wusste in dem Moment, an dem er nicht ans Handy gegangen ist, dass das jetzt schief gegangen ist.“
„Aber Sie haben doch etwas getan“, argumentiert Frau Therapeutin noch mal. „Ja – am Tag davor. Natürlich haben wir Stunden telefoniert, ich habe angeboten, ich rufe in der Klinik an, er kann seine Sachen packen und zu mir kommen, aber er meinte, er schafft das nicht mehr. Ich wusste, er wollte, dass ich komme, aber ich war damals nicht in der Situation zu sagen, dass ich Dienste nicht machen kann. Ich hatte nämlich Dienst am Tag danach. Heute könnte ich das mal machen – ich habe genug Dienste für alle anderen gemacht; damals war das mit den Diensten und mir ein Riesending, weil sowieso jeder der Meinung war, ich hatte zu spät angefangen damit und ich mache zu wenig.“
„Naja – aber das ist doch, wie wenn Sie selbst nicht schwimmen können, aber jemandem zumindest einen Rettungsring ins Wasser schmeißen. Wenn er den nicht nimmt – was sollen sie machen? Es gab die Option in die Studienstadt zu fahren, in dem Moment eben einfach nicht. Kann sein, dass das jetzt anders wäre. Aber damals war es so.“
„Da ist was dran...“, sage ich.
Und dann geht es nochmal um die Umstände. „Keine Ahnung. Manchmal glaube ich, dass alles was irgendwie ungünstig sein könnte, damals auch zusammen gekommen ist. Ich konnte nicht da sein, es war tiefste Corona – Zeit und er mit seiner Angststörung hat da jeden Tag die Apokalypse gesehen. Und während wir Ärzte unser Leben relativ normal weiter leben konnten – ich habe damals sowieso mehr oder weniger in der Klinik gelebt – ist seine Infrastruktur halt zusammen gebrochen. Er war arbeitslos damals, hat sich aber ganz viel ehrenamtlich bei Selbsthilfegruppen in deren Administration und im Netzwerk untereinander engagiert. Aber die wurden damals alle eingestampft; er hatte den ganzen Tag nichts zu tun und konnte sich mit der katastrophisierenden Berichterstattung beschäftigen. Dann kam er nicht mehr an seine Medikamente – bis dahin war seine Sucht ja nicht mal mir bekannt, aber das System, das er genutzt hat mit seinem Hausärzte – Hopping durch die Nachbarstädte hat eben einfach nicht mehr funktioniert. Und dann haben die Psychiatrien damals eben wirklich nur nach Einzugsgebiet aufgenommen und dadurch, dass er ja in die Nachbarstadt gezogen war, musste er auf eine kleine Station des städtischen Krankenhauses. Ich sage nicht, dass die inkompentent waren, aber Suchterkranke mit Depressiven, Angst- und zwangsgestörten und Psychotikern dazwischen – das war nix für ihn. Dahingehend ist die Klinik in der Studienstadt schon besser, dass man die Patienten nach Erkrankungsspektrum aufteilen kann.“
„Na und da haben Sie es doch Frau Mondkind. Sie waren ein Rädchen daran. Aber Sie können nichts an den Umständen ändern, dass Corona – Zeit mit all ihren Konsequenzen war und dass er in der „falschen“ Klinik war.“
„Und trotzdem bleibt übrig, dass ich nicht das Richtige gemacht habe. Und, dass nie wieder so machen würde. Selbst, wenn ich diese Erfahrung nicht gemacht hätte, nicht. Ich gehe mittlerweile einfach anders mit Notfallsituationen um.“
„Retrospektiv wirkt es vielleicht klar, dass es so ausgehen musste, aber damals war es das nicht“, sagt sie. „Wer rechnet denn mit so etwas?“
„Nach zwei Suizidversuchen in der Vorgeschichte kann man schon damit rechnen.“
„Und vielleicht ist es auch einfach so, dass er eben doch schwer krank war. Und schwere Erkrankungen können leider auch manchmal schlecht ausgehen. Und da kann niemand etwas dafür.“
„Keine Ahnung“, sage ich irgendwann, „manchmal denke ich, er hätte doch zumindest nochmal drei Zeilen schreiben können. Was er sich da so gedacht hat. Ich glaube, selbst wenn er geschrieben hätte „Mondkind, ich habe mich von Dir alleine gelassen gefühlt“, wäre das irgendwie okay. Weil die Vorwürfe mache ich mir sowieso. Dann wäre es halt wenigstens klar.“
„Hundert prozentig verstehen wird man das nie können“, sagt sie.
„Ich frag mich manchmal, wie gut ich ihn überhaupt kannte. Wir haben jeden Tag geschrieben und telefoniert; ich dachte eigentlich wir erleben das Leben des anderen quasi mit wie unser eigenes, aber... - da kam einiges raus, nachdem er gestorben ist.“
„Und das macht sie wütend?“
„Eher unsicher. Und vielleicht auch wütend, ja. Und an der Stelle wird dann auch immer die Frage gestellt, ob wir wohl heute noch zusammen wären. Und ich weiß es nicht. Nach allem, was ich danach erfahren habe. Klar – man verlässt auch nicht einfach jemanden, weil er krank ist aber... - das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt bleibt eben weiterhin der Schlussstrich, dass er sich aus dem Leben genommen hat und ich da leider eine Rolle gespielt habe.“
„Am Ende hilft da wahrscheinlich nur radikale Akzeptanz.“
„Darin bin ich schlecht, wie Sie wissen. Die Fragen im Kopf kommen ja auch unangefordert.“
„Ich kann Ihnen ein Arbeitsblatt raus suchen...“
„Ich schmeiße bald auch mit Arbeitsblättern um mich.“
„Na vielleicht finden Sie auch was an Ihrer neuen Klinik.“
„Und ich glaube“, führt sie nochmal aus, „dass dieses Schuldgefühl halt auch ganz viel aus der Ecke kommt, dass Sie eine Erklärung brauchen. Es geht vielleicht gar nicht so viel darum, dass Sie wirklich etwas falsch gemacht haben, sondern, dass das eine Erklärung für die Situation ist. Mit einer klaren Konsequenz. Sie haben in Ihrer Wahrnehmung etwas falsch gemacht, also ist er gestorben. Das heißt aber, dass es sich beim nächsten Mal verhindern ließe. Und das erspart einem einen Blick auf die Welt in dem Sinn, dass die manchmal auch ganz schön unkontrollierbar ist. Manche Dinge passieren einfach. Und wir können gar nichts dagegen machen. Und vielleicht gehört sein Tod in gewisser Hinsicht dazu.“
„Ja, das habe ich auch schon so gelesen.“
„Dann lesen Sie das einfach nochmal. Und fühlen Sie mal nach, ob das nicht so sein kann.“
„Wenn ich mir jetzt um jeden Menschen, der für mich persönlich wichtig ist bewusst machen müsste, dass der an der nächsten Straßenlaterne tot umfallen kann, würde ich ziemlich irre werden. Obwohl das natürlich passieren kann, ist schon rational klar.“
„Na sehen Sie...“
Wir wechseln nochmal ein bisschen die Themen auf die anstehenden Tage.
„Ich habe immer noch Angst, dass da noch dieser „Realitätscrash“ kommt.“
„Und selbst wenn – Sie haben Anlaufstellen. Wir kriegen schon immer irgendetwas hin und in Ihrer Stadt haben Sie doch auch Menschen, die Sie ansprechen können. Sie sind doch nicht alleine.“
„Fühlt sich aber oft so an. Und unter der Woche ist es eben irgendwie auch erstmal so.“
„Ich weiß.“
„Der Freund hat letztens gesagt, dass der verstorbene Freund sich halt erfolgreich unter allen Hilfesystemen durchgeduckt hat. Das fand ich eine interessante Formulierung, weil ich immer den Eindruck habe, ich soll den Menschen mit meinen Befindlichkeiten nicht auf den Keks gehen. Aber vielleicht finden die anderen das manchmal gar nicht so schlimm.“
„Machen Sie das nicht wie der verstorbene Freund. Melden Sie sich irgendwo, wenn etwas ist. Und Sie tragen an der Stelle viel mit sich herum und Sie müssen das bearbeiten. Das ist okay.“
Die Stunde ist schon wieder vorbei. Aber es hat schon ein bisschen geholfen. Lösen kann man das wahrscheinlich wirklich nicht mehr. „Sie werden lernen müssen, mit allen offenen Fragen zu leben.“ Und man kann das auch nicht immer allumfassend aufrollen. Das alles ist so viel mehr als ein Tod. Es berührt so viele Bereiche des Lebens.
Und am Ende fehlt da halt auch einfach ein Mensch. Ich sehe mich noch, wie ich ein paar Tage danach in der Psychiatrie auf meinem Bett lag, nach draußen geschaut habe und mich gefragt habe: „Siehst Du eigentlich noch Baumkronen im Wind schwanken?“
ich saß oft auf meinem Fahrrad dieses Jahr und dachte mir: Siehst Du auch noch, wie die Natur sich ständig ändert das Jahr über?
Was ich heute Nachmittag dann auch mal endlich wieder geschafft hatte war es, mich aufs Fahrrad zu setzen. Nochmal in kurzen Sachen. Das war richtig schön.
Und manchmal blitzt da schon so ein Gefühl von Neurgier durch. So ein „hey – es kann doch auch mal gut werden. Sagt doch niemand, dass alles immer in einer Katastrophe endet.“ Zu viel Verallgemeinerung, ich weiß. Was ist, wenn ich da meinen Traumjob finde? „Ich weiß nicht. Am Ende war ich halt auch unzufrieden auf der Stroke Unit. Das ist halt immer Schema F“, habe ich am Morgen zum Kardiochirurgen gesagt. „Naja – es ist solange Schema F, bis es Dich interessiert. Dann ist jeder Fall anders. Schau mal – in der Herzchirurgie gibt es 5 OPs...“ „Und Du würdest nicht sagen, es ist nicht immer irgendwie das Gleiche?“, frage ich. „Nein – weil es doch bei jedem Patienten einen kleinen Unterschied gibt.“ Und es ist nicht so, als würde ich das nicht verstehen und auch so sehen. Aber jeden Tag drei Stunden Visite (es mussten immer alle mitlaufen bei allen Patienten, obwohl einem ja meist nur die Hälfte der Station gehört) und dann Briefe schreiben, bis die Angehörigen kommen und man die betreuen muss... - ich mochte es wirklich nicht mehr. Vielleicht ist der neue Job abwechselungsreicher, vielleicht kann ich da mehr Selbstwirksamkeit erleben und vielleicht interessiert es mich auch einfach mehr. Ich freue mich richtig auf die Theorieausbildung – auch wenn das viele Wochenenden kosten wird. Ich freue mich auf die Selbsterfahrung, weil ich glaube, ich kann noch ganz viel lernen. Und ich freue auf meine zukünftigen Patienten, denen ich hoffentlich ein bisschen helfen kann.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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