Von einer Adresse

Und plötzlich ist da ein einziges Detail, das alles wieder durcheinander schmeißt. 
Alle Fragen wieder in den Raum stellt. 
Und vor allen Dingen die Frage stellt, ob ich eine andere Entscheidung getroffen hätte, hätte ich es damals gehabt. 


***
Unfreiwilliges Internet – Detox in der neuen Wohnung treibt merkwürdige Blüten. 
Während ich auf den Techniker warte, gehe ich ein paar alte Mails durch. Manchmal mache ich das. Und gerade bin ich gedanklich viel im Jahr 2020 unterwegs. Als der Ort in der Ferne schon mal auf der Kippe stand. 

Ich stolpere über eine alte Mail vov verstorbenen Freund. Über ihn denke ich in der letzten Zeit auch viel nach. „Irgendwie fühlt sich das hier gerade an, als würde man ein Kapitel beenden, das eigentlich schon 2020 beendet wurde; wenn Du verstehst, was ich meine“, habe ich letztens mal erzählt. 
Und weil ich gerade dabei bin, gebe ich seinen Namen in die Suchleiste ein und finde eine ganze Menge Mails von diesem Zeitraum. 
Er hat mir ständig irgendetwas geschrieben – meistens hat er irgendwelche Artikel raus gesucht, die er interessant fand und dachte, ich würde die auch gern lesen. 
Anfang 2020 hatte ich nicht viel Zeit für so etwas. Ich war noch voll und ganz mit der Einarbeitung in den neuen Job und in das Jobleben überhaupt beschäftigt. Meistens habe ich sie überflogen und vielleicht auch den ein oder anderen gar nicht gelesen. Und dann finde ich eine alte Mail zur Bewerbung zum Ex – In kurz bevor er gestorben ist. Ich weiß, dass ich seine Bewerbung gegen gelesen habe und irgendwie gab es dann einigen Schriftwechsel zwischen den Verantwortlichen dort und ihm. Er hatte mir die Mail damals geschickt, um die neuesten Entwicklungen – nämlich letztens Endes die Zusage - zu präsentieren. All den Schriftwechsel darunter hatte ich wahrscheinlich gar nicht gelesen. Aber da ich es immer irgendwie schön finde Dinge zu lesen oder welche, an die ich mich nicht erinnern kann und die damit ein bisschen „neu“ sind, lese ich heute weiter. 

Und irgendwo dazwischen steht seine Adresse.  Und noch bevor ich das so richtig realisiere spüre ich, dass das mit einem Mal alles ändert.

Als er gestorben ist, war er gerade erst umgezogen. Ich hatte ihn noch nicht besucht dort und er hatte mir die Adresse einfach noch nicht gegeben. Nachdem man in den Anfängen von 2020 sowieso nirgendwo hin konnte und er darüber hinaus ständig in der Psychiatrie war, hatte sich einfach noch keine Notwendigkeit ergeben, die Adresse auszutauschen. Er hatte den Umzug auch alleine gemacht, oder mit seiner Mum, die sich immer um die Wohnungsangelegenheiten gekümmert hat. 
Er hatte mir damals auch Bilder aus der neuen Wohnung geschickt, wir haben viel darüber gesprochen - irgendwann gab es sogar mal eine Diskussion, welches Besteck er auswählen soll - aber die genaue Adresse ist nie gefallen und ich wusste nicht, dass es so essentiell wichtig werden würde.

Und dann gab es diesen Sommernachmittag. An dem ich bei uns im Kurpark saß mit ihm in der Leitung. „Mondkind, ich weiß nicht, ob ich mir etwas antun soll.“ Nicht das erste Mal, aber diesmal irgendwie anders. 
Ein stundenlanges Gespräch, ein Versuch ihn irgendwie einzufangen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ihm eigentlich geht. Und am Ende das Versprechen, dass er die Nacht entweder schafft, oder in die Klinik fährt. Wir kennen die Geschichte. 

Und am nächsten Morgen war das Handy trotzdem aus. Meine Nachricht wurde nicht durchgestellt. Und der erste Verdacht: Da ist etwas passiert. 
Ich hatte Dienst und habe nebenbei stundenlang abgewogen. Konnte ich irgendwen anrufen? Aber ich hatte weder die Nummer seiner Eltern, noch seiner Freunde, die mal nach ihm hätten schauen können. Könnte ich vielleicht einfach hinfahren? Aber ich hatte die Adresse ja nicht – es hätte gar keinen Sinn gemacht, sich in den nächsten Zug zu setzen. Kann die Adresse irgendwer raus finden? Kann ich die Polizei anrufen? Aber wie ernst nehmen die jemanden, die sagt, dass sie sich Sorgen um ihren Freund macht, aber nicht mal weiß, wo der wohnt. Würden die die Adresse raus finden können? Würden die sie mir dann auch geben? Oder würden die selbst hinfahren? Was würde der Freund denken, wenn plötzlich die Polizei vor seiner Tür steht? Was würde das mit uns und unserer Beziehung machen? Ich könnte ja erstmal selbst nach ihm schauen, aber ich hatte die Adresse halt einfach nicht. Abgesehen davon hatte ich immer noch Dienst und was sollte ich meinen Oberärzten erzählen? „Ich habe den Verdacht, mein Freund hat sich etwas angetan“? Damals war sowieso jeder sauer, weil ich nach ein paar Monaten Monaten noch keine Dienste gemacht habe; ich hatte Sorge die denken, ich möchte mich nur vor Diensten drücken und packe jetzt mal eine ganz dramatische Story aus. (Ganz unbegründet war das jetzt auch nicht, schließlich wurde mir hinterher unterstellt, ich hätte mir die ganze Geschichte mit dem Freund inklusive seines Todes nur ausgedacht).

Ob das am Ende etwas geändert hätte, weiß ich nicht. Ich glaube, seine Entscheidung war entweder schon gefallen, als wir telefoniert hatten, oder in der Nacht danach. Er hat ja nicht umsonst sein Handy ausgemacht. 
Vielleicht wäre es zu spät gewesen, auch wenn ich morgens direkt in den Zug gesprungen wäre – ein Auto hatte ich ja noch nicht. Vielleicht wäre es zu spät gewesen, bis die Polizei vor Ort gewesen wäre. Vielleicht wäre es auch nicht zu spät gewesen, aber vielleicht wäre er da schwer geschädigt raus gekommen und ich hätte entscheiden müssen, was passieren soll, weil ich in der Patientenverfügung stand. 
Und vielleicht wäre es auch nicht zu spät gewesen. Vielleicht hätte er es versucht und ich hätte ihn gefunden, bevor etwas Schlimmeres passiert. Seine Mum hat das später als ich realisiert, dass etwas nicht stimmt. Sie hatte die Adresse. Sie hatte auch die Nummer des Nachbarn. Sie konnte das tun, das ich nicht tun konnte.

Und was ist, wenn er sich dachte: „Sie wird mich finden, wenn sie will.“ Weil er dachte, dass er mir ja die Mail geschickt hat, in der seine Adresse im Zweifel drin steht. 
Und was ist, wenn ich die einfach nicht gelesen habe? Wenn er dachte, dass ich Informationen habe, die ich einfach nicht hatte, weil ich sie nicht gesehen habe?

Und ich frag mich, wie oft das noch passieren wird. Wie oft ich noch Details finden werde, die all die Entscheidungen damals wieder in ein anderes Licht rücken. Die mich hinterfragen lassen, ob ich ihn hätte retten können. Ich weiß nicht mal, ob wir am Ende wirklich glücklich miteinander geworden wären. Ob wir unser Leben noch teilen würden. Aber ich weiß, dass niemand so nah dran war an ihm und seinem Leben und dass egal was ich versuche, ich aus dieser Schuld – Kiste nie raus kommen werde. 
Heute würde ich das sowieso alles anders machen. Ich glaube, damals habe ich nicht gedacht, dass das wirklich passieren wird. Und irgendwie war ich auch viel zu eingespannt in diesem Job – es war, als hätte ich Scheuklappen auf. Mein Oberarzt hat mir irgendwann hinterher mal vorgeworfen, dass ich mit Menschen darüber hätte sprechen sollen, dass ich hätte um Rat fragen können; wahrscheinlich nicht nur bei ihm, aber den Eindruck hatte ich damals nicht. Ich habe mich so alleine mit der Situation gefühlt und dann ist auch noch dieses eine Mal wirklich die Katastrophe passiert. 
Wie paradox ist es, dass ich an diesem Tag fremde Menschen in der Notaufnahme behandelt habe, vielleicht Schäden abwenden konnte, aber nicht gemerkt habe, dass mir in der Zeit der eigene Freund mehr oder weniger unter den Händen weg stirbt. 
Und ich glaube – egal wie viel Zeit vergeht – das wird nie okay werden. Und sechs Jahre danach gibt es auch kaum noch Rahmen, in denen das Thema gut aufgehoben ist. 

Und wer sich jetzt fragt, wie ich meine letzten zwei Tage verbracht habe - hauptsächlich mit Tränen in den Augen. Ich hätte weiterhin so viel zu tun, aber hier läuft gerade nichts mehr. Vielleicht schreibe ich morgen nochmal Frau Therapeutin - was ziemlich doof ist, weil ich gerade erst da war und sie wahrscheinlich in Ruhe lassen sollte. Andererseits sagt sie immer: "Melden Sie sich, wenn etwas ist." Ich weiß nur nicht, ob das etwas ist. Eigentlich ist es nur eine Adresse. Und doch ist das so, so viel mehr. Ich glaube, wenn sie es mir anbieten würde - um nochmal einen Raum für dieses Thema zu bekommen - würde ich bis zum Arbeitsbeginn sogar nochmal in die Studienstadt fahren. Sie wird nur realistisch gesehen keine Zeit dafür haben.  

Mondkind

Bildquelle: Pixabay 

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