Therapiestunde und Besuch in der Studienstadt

„Der neue Ort war also ein bisschen wie ein Rettungsring für Sie.“
„Kann man so sehen, ja. Aber den Rettungsring zu erreichen heißt auch nicht, dass man gerettet ist. Es heißt nur, dass man eine Chance hat, sich zu retten. Aber bis zum Ufer ist es noch weit und das geht auch nur mit unglaublich viel Kollateralschaden.“


***
Montagmorgen. 
Als ich den Termin bei der Therapeutin damals gemacht habe, habe ich gehofft, den überhaupt wahrnehmen zu können. Nicht, dass es in dem ganzen organisatorischen Chaos hier nicht möglich sein würde. Aber alle anderen Termine sind darum herum gebastelt und es geht. 
Mein eigentlicher Plan ist, schon etwas früher los zu fahren, um das Internet an der Uni zu nutzen. Es gibt viel zu erledigen und bei marginalem Internet über den Handyvertrag ist das eher ungünstig. 

Allerdings stehe ich wieder ziemlich viel im Stau und muss einen Unfall umfahren. Auf der einen Seite bin ich dann immer froh, dass ich nicht diejenige bin, die in den Unfall verwickelt ist. Auf der anderen Seite überlege ich mir, wie dieser Plan funktionieren soll Frau Therapeutin vielleicht mal an einem Freitagnachmittag aufsuchen zu können, wenn der Weg in die Studienstadt neuerdings immer so staulastig ist. Am  Ende werden wir dann doch auf einer Autobahnraststätte telefonieren; ich sehe es schon kommen.

Der Weg in die Studienstadt wird immer ein bisschen merkwürdig bleiben. Retrospektiv frage ich mich, ob ich nicht hier meine besten Zeiten hatte. Am Ende zumindest. Auf den letzten Metern des Studiums. Ein paar Freunde, mit denen wir abends am Flussufer gesessen haben. Den Freund. Aber eben auch eine fragliche Perspektive.
Als ich in die Innenstadt rein fahre und all die Menschen mit vertrauten Kennzeichen der umgebenden Städte sehe frage ich mich, ob die eigentlich alle wissen, wo sie hingehören. Oder, ob die auch mehr oder weniger wie ich durchs Leben stolpern. Allerdings verrät mich halt auch mein Kennzeichen. Ich gehöre laut dem nicht hierhin. Obwohl ich ja irgendwie doch so verbunden mit der Stadt bin. 

Ich parke immer noch auf dem Parkplatz, auf dem wir auch zu Unizeiten immer geparkt haben. Und dann bleibt nur noch Zeit die Mails ein Mal durchzuarbeiten, sich wieder mit Menschen terminlich abzustimmen und dann lasse ich den PC in der Bibliothek und laufe in Richtung Tagesklinik. 
Wahrscheinlich wird diese Gebäude sich für immer anfühlen, wie ein sehnlichst herbeigewünschter Wegpunkt. Hier zu sein bedeutet immer noch, das Mäntelchen über der Alltagsmondkind mal fallen zu lassen. Verletzlich zu sein. Und das auch sein zu dürfen. 
Am Empfang ist auch immer noch derselbe Mensch, wie schon vor 10 Jahren. „Jemanden wie Sie vergisst man nicht“, hatte er mal gesagt, als ich das erste Mal hier aufgetaucht bin, als ich eigentlich schon in der Ferne war und mich gewundert hatte, dass er noch weiß wer ich bin, bei all den Patienten, die hier durchlaufen. Und ich weiß bis heute nicht, ob das eine Art Kompliment war, oder ob ich mir dort zu viel zu Schulden habe kommen lassen. 
Er schickt mit in den Wartebreich und wenige Minuten später höre ich das Klackern der Schuhe von Frau Therapeutin. Ich glaube, ich würde sie zwischen vielen anderen Menschen erkennen, die man an mir vorbei laufen lassen würden. 

„Sie waren sehr lange nicht hier“; begrüßt sie mich. 
Seit Mai. Wir haben zwischendurch mal telefoniert, aber gesehen haben wir uns tatsächlich nicht. Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte dieses Jahr öfter vorbei schauen.

Wie es mir geht, will sie wissen. Und ich kann das gar nicht genau sagen, weil ich so durch die Tage rausche. Im Moment ist es okay – es gibt so viel Orga – Kram, das kaum Zeit für Fragen und Gedanken bleibt. Ich mache einfach, was zu tun ist. Ohne viel zu denken. Einerseits ist das gut; andererseits hätte ich mich für die Stunde gern etwas mehr sortiert gehabt.  Und da bleibt auch die Angst, dass es noch richtig abrauscht, wenn dann irgendwann die Tage mal ruhiger werden.

Ich merke an, dass ich nur kurz das organisatorische Chaos anschneiden möchte. Weil es ein Teil meiner emotionalen Unausgeglichenheit ist, aber sicher nicht der Wichtigste. Irgendwie ist es aber schon immer ein bisschen amüsant, wenn sie sich darüber mehr aufregt, als ich. Ich berichte, dass der Herd offensichtlich aus den 80ern ist; ich habe das Modell eines Ofens mit integrierte Mikrowelle gegoogelt. Einerseits ist das ziemlich cool, andererseits: Wenn das Ding mal kaputt geht, gibt es keine Ersatzteile. „Naja, wenn die Wohnung seit den 80ern unbewohnt war, ist es ja quasi wie neu“, sagt sie. „Ja, stimmt auch wieder.“ Dann berichte ich, dass die Firma die das Bett liefern soll derzeit keine Ahnung hat, wo das eigentlich ist, aber ich habe ja mittlerweile zumindest schon mal ein Sofa und auch immer noch meine Luftmatratze. Und Internet gibt es auch nicht – das ist auch ein größeres Problem. „Ich mache unfreiwillig ein bisschen Internet – Detox, aber dadurch kriege ich halt auch nichts mehr mit. An der Bahnhaltestelle habe ich auf der Titelseite der Zeitung gelesen, dass die sich jetzt doch irgendetwas mit den Spritpreisen einfallen lassen wollen, aber ich vermute erst ab Oktober und bis dahin bin ich sicher noch fünf Mal hin und her gefahren.“ 
„Naja – zum Wohlfühlen und Stressabbau trägt das sicher alles nicht bei“, meint sie. „Ich fühle mich auch nicht, als hätte ich Urlaub“, entgegne ich. Obwohl das hier gerade mein Jahresurlaub sein wird.

Und dann geht es viel um die Frage nach Identität, Heimat, den Freund und den verstorbenen Freund. 
„Irgendwie bin ich ja damals mit so einer gewissen Naivität an die Sache gegangen. Ich dachte, ich ziehe jetzt ein Mal um und dann bleibe ich sehr lange da. Ich will jetzt nicht sagen, „für immer“, aber dass ich nach sieben Jahren weiter ziehe, war so nicht der Plan. Und das holt ja jetzt auch viel wieder hoch.“
„Verständlich“, sagt sie. 
„Auch mit dem verstorbenen Freund“, füge ich an.
„Auch verständlich“, wiederholt sie. 
„Als der damals gestorben ist, war das erste Mal die Diskussion in der Psychiatrie, ob ich eigentlich in der Ferne noch richtig aufgehoben bin und es wurde mir sehr nahe gelegt, zurück zu gehen. Der Therapeut aus der Klinik hätte mich sogar sofort in seine Ambulanz genommen, wenn ich mich dafür entschieden hätte; das hatte er mir versprochen.“
„Die haben sich ernsthaft Sorgen um Sie gemacht.“
„Ja – aber ich wollte noch nicht zurück nach hierher. Und jetzt gab es – wieder im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen diese Frage, wie es eigentlich weiter geht und diesmal habe ich mich gegen  den Ort in der Ferne entschieden. Vorerst. Und das schließt nochmal irgendwie ein Kapitel, das ja eigentlich schon längst geschlossen ist, wenn Sie verstehen was ich meine.“
Sie nickt.
Und zum ersten Mal frage ich mich wirklich, ob es nicht auch hätte Vorteile haben können, wenn ich damals zurück gegangen wäre. Ich hätte mir vielleicht einiges an Beziehungserfahrungen sparen können. Oder ich hätte andere gemacht. Aber sicher wäre es damals, als ich das Gefühl hatte, dass der Schatten des verstorbenen Freundes an jeder Hauswand hängt, auch nicht einfach gewesen. Und ich hätte sicher auch nicht einfach so in die Psychosomatik wechseln gekonnt, weil ich viel zu sehr selbst in diesem System an der größten Klinik der Stadt hing; also vielleicht ist es besser, das gut getrennt zu haben. Dafür hätte ich aber vielleicht schon mal eine Richtlinientherapie zu Ende gemacht. 

Wir reden auch viel über die aktuelle Beziehung. 
Ich berichte nochmal, dass mein Wegzug hier nicht aus einer persönlichen Abenteuerlust entstanden ist („Das weiß ich Frau Mondkind – ich kenne Sie“), sondern eher aus der Perspektive einer Sackgasse hier, die in erster Linie emotionaler Natur war. Am Ende kommen wir darauf: Wir wissen nicht, warum der Freund sich verhält, wie er sich verhält. Es wäre schön, wenn er es mir sagen könnte, aber wahrscheinlich passiert das nicht und vielleicht weiß er das selbst nicht mal.. Vielleicht – wo er jetzt zum zweiten Mal erlebt, dass die Freundin weg zieht (seine Erste ist auch ein paar Hundert Kilometer weg gezogen und kurz danach haben die sich getrennt; das hat mir eine Kollegin erzählt), denkt er doch mal darüber nach, dass manche Sachen nicht so gut gelaufen sind. Vielleicht ist er eher Typ Fernbeziehung: Wenig Verantwortung und viel Freiheit an den meisten Tagen und wenn man das Bedürfnis nach Beziehung hat, dann gibt es ja Momente, in denen die Freundin da ist. 
Im Prinzip gibt sie mir aber die Rückmeldung, dass sie keine meiner Entscheidungen hinsichtlich meines Wohnortes per se falsch findet. Sowohl der Ort in der Ferne, als auch jetzt der neue Ort: Ich habe das nicht einfach aus dem Bauch heraus entschieden. Es gab triftige Gründe und wie schon die Psychosomatik – Oberärztin gesagt hat: Lebenssituationen können sich immer wieder ändern und dann gibt es immer wieder neue, angepasste Entscheidungen zu treffen. „Ich denke – auch, wenn Sie mir jetzt sagen werden, dass das für Sie furchbar anstrengend war und Sie sich das gern sich erspart hätten – aber Sie haben aus jeder dieser Entscheidungen viel mitgenommen. Fachlich und für sich persönlich. Auch wenn Sie das anders sehen und mir erzählen, dass Sie sich fühlen wie nach dem Studium: Sie haben sich ja doch emotional sehr viel weiter entwickelt. Und das nehmen Sie mit. Ich glaube auch nicht, dass Sie sich da in dem neuen Job ganz verloren fühlen werden. Sie haben ja schon mal ein Jahr Psychosomatik gemacht und Sie haben auch schon einen Facharzt.“
Ich nicke. Und denke nochmal laut darüber nach, dass die Intention ja auch gewesen war, erstmal eine Entscheidung unabhängig vom Freund zu treffen. Mit dem neuen Ort habe ich mich nicht automatisch gegen den Freund entschieden. Ich habe mich nur erstmal für eine Ausbildung entschieden, weil die Bedingungen dort gut zu sein scheinen. Und das habe ich so gemacht, weil es im privaten Sektor halt zu dem Zeitpunkt keinen Blumentopf zu gewinnen gab. Selbst wenn ich mir das heute nochmal anschaue: Das wäre irgendwie nicht zielführend gewesen, sich für eine Beziehung zu entscheiden, die zu dem Zeitpunkt gar nicht funktioniert hat und ein gutes Jobangebot außen vor zu lassen – auch wenn ich natürlich zugeben muss, dass ich aktiv nach Jobs gesucht habe. Aber mal aktiv über den Tellerrand zu schauen, was denn andere Kliniken bieten, war jetzt auch noch nie falsch.  „Ich glaube, das ist so ein starker Anteil von Ihnen: Sie halten immer viel aus. Zu viel. Aber irgendwann ziehen Sie dann doch mal die Reißleine. Mit viel Widerstand. Und meistens mit massiven Konsequenzen, wie einem Wohnortwechsel. Als würden Sie sicherstellen wollen, dass sich auch wirklich etwas ändern muss.“ Ich denke kurz darüber nach. Das stimmt; da hat sie schon Recht. 

Und dann geht es auch nochmal um die Frage, wie man jetzt mit diesem Neuanfang umgeht. 
„Meine Gefühle darauf bezogen sind sehr gemischt. Das ist auch ziemlich tagesform- und stimmungsabhängig. Aber manchmal denke ich mir so, vielleicht tut es mir wirklich gut mich unter der Woche mal auf meinen Job, auf mich und meine Ausbildung zu konzentrieren. Einfach mal zurück zu etwas, das irgendwie nicht so verstrickt ist. Ich habe manchmal das Gefühl die Boys haben in den letzten Jahren mein Leben nicht einfacher gemacht. Ja – ich hab da einen Wunsch; Ehe und Familie. Und trotzdem ist vielleicht jetzt auch der Moment zu sehen, dass es gerade gut ist, eine Pause zu haben und das Wünsche eben Wünsche sind, die sich manchmal nicht sofort erfüllen lassen. Ich denke es ist wichtig, dort nicht irgendwie zu „versacken“. Es kommt jetzt Winter und die Radwege sind sowieso schwierig, weil es sehr bergig ist – so bergig, dass mein Auto da echt Probleme hat, hoch zu kommen. Die hinter mir denken bestimmt immer ich schleiche, aber ich schleiche gar nicht; das Auto kann nicht schneller. Ich habe mir gedacht, Fahrrad fahren, was mein Sport dieses Jahr war, wird da sicher schwierig, aber es gibt ein Schwimmbad dort. Ich mag Schwimmen nicht besonders, aber vielleicht kann ich mich für den Winter damit anfreunden nach der Arbeit zwei Mal die Woche zum Schwimmen zu gehen. Kochen wird auch einfacher, weil es nicht jeden Abend die Frage gibt, ob ich denn für jemanden mitkochen muss, oder nicht oder ob es stört, wenn ich einfach mal gar nicht viel her mache, weil ich keine Lust habe. Und ich kann mir auch morgens schon überlegen, ob ich abends noch mit einem Kakao ein Buch lesen möchte und es gibt relativ wenig, das dieses Unterfangen stören könnte. Ich habe mir schon gedacht, vielleicht weiß ich das doch demnächst auch zu schätzen, mein Leben einfach mal mit etwas Ruhe zu leben.“ 
Sie nickt. Und bestärkt mich nochmal darin aktiv zu versuchen den Blickwinkel auf mein neues Leben etwas positiver zu halten, als ich das oft tue. 

Die Zeit ist auch schon wieder um und ich habe Vieles nicht erwähnen können. Aber vielleicht das Wichtigste. Und irgendwie ist diese Frau weiterhin gut darin, mit Perspektiven an die Hand zu geben, was therapeutische Anbindung betrifft. Ich kann derzeit nicht sagen, wann ich wieder vorbei kommen kann. Meine Hoffnung ist, dass das demnächst vielleicht mit dienstfrei geht. Klar – das wird auch Fahrerei und wenn die Nacht wild ist, muss man vielleicht spontan einen Telefontermin daraus machen. Aber mit signifikant weniger Urlaub als in meinem alten Job und ohne AZV – Tage ist das schon schwierig für solche Unterfangen einen Urlaubstag abzuzwacken. Aber im dienstfrei müsste es gehen, man fährt 2,5 Stunden laut Navi. Dazu müsste ich eben nur Dienste machen und mit etwas Glück oder Pech – je nachdem, wie man das so sieht, werde ich dieses Jahr keine Dienste mehr machen.
Sie bittet darum, dass ich ihr in zwei Wochen – bevor sie dann ein bisschen Urlaub hat – mal eine Mail schreibe und ihr mitteile, wie der Start in den neuen Job so ist und wie es mir damit geht. Und dann schauen wir weiter. „Und Sie wissen – falls etwas ist, können Sie sich sowieso immer melden.“ Ich glaube, sie bietet das an, weil wir beide wissen, dass ich das nie missbraucht habe. Wenn ich mich zwischendurch gemeldet habe und gesagt habe, dass es dringend ist, dann war es immer wirklich dringend. Ich würde das nie machen, wenn es halb – dringend ist. 

 

Nach dem Termin notiere ich kurz einige Gedankenschnipsel in der Bibliothek und dann düse ich mit der Bahn weiter in Richtung Hauptbahnhof, um mich noch mit einer Freundin zu treffen. Wir gehen unweit des Bahnhofs in ein Cafe und quatschen zwei Stunden. Ich finde es schön, dass sie viel von sich und ihren Plänen erzählt – wir haben uns lange nicht gesehen und da freut es mich immer zu hören, wie sich das Leben der anderen so dreht. Und, dass es bei uns beiden immer irgendwie weiter geht. Wir haben uns 2017 in der Psychiatrie kennen gelernt und irgendwie haben wir beide es seitdem geschafft, unser Leben auf die Reihe zu bringen – mal mehr und mal weniger stabil. 

Auch um die Beziehung geht es nochmal. 
„Vielleicht wird es ja jetzt ruhiger, weil Du keine Erwartungen mehr an ihn hast und das merkt er und entspannt sich mal ein bisschen.“ 
„Naja, ich hatte auch vorher nicht viele Erwartungen. Er sollte halt abends nach Hause kommen, ein gemeinsames Abendessen und ein gemeinsames Kuscheln unter die Decke wäre schön gewesen und ab und an gelebte Intimität.“
„Naja, aber Mondkind das ist ja der Punkt – er ist nach Hause gekommen, nur eben nicht zu Dir.“
„Meinst Du das jetzt ernst?“
„Naja – Ihr habt nicht zusammen gelebt. Da kommt man nicht jeden Tag zum anderen.“
„Das habe ich ja auch immer kritisiert. Wir sind ja keine Teenager mehr. Nach drei Jahren hätte man schon mal zusammen ziehen können.“
„Aber nochmal – Ihr habt eben nicht zusammen gewohnt. Da ist es klar, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht.“
„Willst Du mir jetzt echt sagen, dass diese paar Punkte in einer Partnerschaft zu höhe Ansprüche sind?“
„Wenn man in einem Haushalt lebt, sicher nicht. Aber wenn man getrennt lebt, dann vielleicht schon.“
Ich seufze. „Er ist ja nach Hause gekommen“, wiederhole ich. „So habe ich das nie gesehen.“
„Ich verstehe schon, was Du damit meinst und von ihm wolltest. Ich will das nur zu bedenken geben“, sagt die Freundin. 
„Keine Ahnung, vielleicht hast Du Recht. Ich weiß es nicht. Für mich war das eigentlich völlig selbstverständlich, dass man sich abends mit seinem Partner treffen sollte. Aber ja – jetzt bin ich gespannt, wie meine Abende unter der Woche laufen werden. All das Warten auf den anderen und die Streitigkeiten fallen ja erstmal weg. Vielleicht wünschen wir uns noch eine gute Nacht vot dem Schlafen gehen. Vielleicht aber auch nicht. Und eine Rolle spielt das wahrscheinlich auch nicht. Wir können den anderen nicht mehr spüren. Aber das haben wir auch vorher fast nie getan. Ich hätte nie gedacht, dass Intimität mir so fehlen könnte, aber er war auch selten erreichbar, selbst wenn wir in einem Bett gelegen haben. Von daher wird nicht viel fehlen, aber die Erwartung, dass wir uns heute Nacht vielleicht mal wieder spüren können, die fällt weg, weil es einfach nicht geht.“
Sie nickt. „Die Zeit wird so einiges zeigen.“
„Ja – und das ist ein Problem. Ich hätte gerne jetzt Antworten. Aber ich weiß, dass ich mich – wie immer in dieser Beziehung – gedulden muss. Wir können jetzt wahrscheinlich keine Antworten auf unsere Fragen haben.“

Mondkind

Kommentare

  1. Ganz ehrlich, ich bin schockiert: Wenn deine Therapeutin nicht weiss, weshalb dein Freund sich so verhält, dann weiss sie nichts über das Thema Bindung, Bindungsstörungen und Bindungsangst und hat aus meiner Sicht den Beruf verfehlt. Mir fehlen die Worte. Ich bin selber Psychotherapeutin und könnte dir erklären, was der Hintergrund des Verhaltens deines Freundes ist und insbesondere, weshalb er sich nun, da du gehst, anders verhält. Du brauchst echt eine neue Therapeutin, die zwar warm, aber auch klar und ehrlich ist - und vor allem kompetent.

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    1. Naja - man darf nicht vergessen, dass ich die Frau zwei bis maximal drei Mal im Jahr sehe. Zuletzt war ich im Mai da. Es ist nicht so, dass sie über alles was hier passiert, informiert ist und allein sie aufs Pferd zu heben darüber, was denn überhaupt über die Wochen und Monate passiert ist, dauert meistens den Großteil der Stunde. Man kann das nicht in irgendeiner Form auch nur im Ansatz als Richtlinientherapie sehen. Ich denke mir, sie ist jemand, die mich schon sehr lange begleitet; in den Anfängen damals wesentlich enger als jetzt. Dort zu sein gibt mir immer ein bisschen die Möglichkeit auch mal den Finger heben zu können, wenn es überhaupt nicht geht und sonst geht es glaube ich hauptsächlich darum, vielleicht mal andere Blickwinkel auf die Situation zu bekommen. Aber ich glaube den Anspruch an therapeutische Arbeit haben wir da beide nicht so richtig, weil es einfach nicht machbar ist.

      Aber wenn Du schon Ideen hast, dann freue ich mich immer über das Teilen.
      Wobei ich die letzten Tage schon gemerkt habe, vielleicht ist es einfach okay so, wie es ist. Vielleicht muss man das gar nicht alles bewerten. Es wäre nicht so passiert mit dem Freund, wenn ich nicht gegangen wäre; ich denke da sind wir uns einig. Dass es vorher nicht so sein konnte, ist schade. Aber ich spüre auch ein bisschen ein inneres Loslassen im Moment. Ich freue mich, wenn er da ist. Aber wenn ich hier bin, dann bin ich irgendwie in einem anderen Leben. Und klar - ich hätte gerne diese Abgrenzungsfähigkeit, dass es diesen Umzug jetzt nicht gebraucht hätte, aber die habe ich leider (noch) nicht. Vielleicht kann ich das lernen irgendwann.

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