"Bist Du seitdem noch mal oben gewesen?"
Hey mein lieber Freund,
wie geht es Dir? Wo bist Du? Siehst Du den Sommer? Und, dass die Tage
langsam schon wieder kürzer werden? Spürst Du auch, dass dieses Jahr doch noch
etwas fehlt? Dass es doch noch kein Sommer war… ?
In der Therapie denke ich über ein Leben nach, das so lange her
scheint, dass es doch fast unmöglich sein kann, dass es erst vor knapp einem
Jahr auseinander gefallen ist. So kurz bevor wir uns hatten. Nach all den
Jahren.
Wir reden über Muster in der Kindheit, die ich aus Jahren, die noch
vor der Jahrtausendwende entstanden sind, hinüber in ein Erwachsenenleben
getragen habe und die uns dann beiden das Leben schwer gemacht haben. In einer
Beziehung so gut wie unsichtbar zu sein ist keine gute Idee, glaube ich. Ich
habe Dir das Zepter zwischen uns beiden überlassen. War so leise, wie ich sein
konnte. Weil ich doch immer leise sein sollte. Und manchmal hast Du glaube ich
darauf gewartet, dass ich laut werde. Dass ich Dinge einfordere um Dir zu
zeigen, dass es mir wichtig ist. Dass ich Dich durch die halbe Stadt zum
Psychosomatik – Termin schleppe, dass wir uns öfter in einer Stadt hier in der
Nähe treffen, in die ich nur eine Stunde und Du so viele Stunden unterwegs
gewesen wärst. Und natürlich bitte – so wie immer, wenn wir es irgendwie
einrichten konnten – inklusive Bahnhofstreffen.
Die letzten beiden Jahre in denen wir uns kannten, waren anstrengend.
Für uns beide. Es war immer etwas Neues. Zwei Examensjahre hintereinander, ich
ständig irgendwo zwischen der Studienstadt und dem Ort in der Ferne. Und wenn
ich in der Studienstadt war, bin ich meist nur zur Examensvorbereitung
hingekommen. „Examen macht man ja auch nur ein Mal im Leben“, war meine
Entschuldigung für mein Igeldasein in meiner kleinen Studentenwohnung von der
aus ich immer auf den kleinen Weg der sich durch das Grün schlängelte vor
meinem Fenster gesehen habe. Und auf den Kirschbaum am Wegesrand, der im
Frühling am Schönsten war.
Und dann… - ja, dann habe ich mir den Jobstart schon einfacher
vorgestellt. Innerhalb eines halben Jahres wurde ich über fast alle Abteilungen
gereicht, dann kam Anfang 2020 das Epilepsie – Projekt, das dann nie etwas
geworden ist, aber das doch so verlockend klang.
Und zwischen den Ansprüchen an mich selbst, zwischen der Stille, die ich immer in mir trage, zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben, wenn Examen und Jobstart überstanden bin, ist ein „wir“ untergegangen. Und Du gleich mit.
Und gleichzeitig bin ich all die Jahre in denen ich Dich kannte auch ein Stück weit ausgebrochen. Aus dem Schattendasein, aus den engen Strukturen, aus den Ansprüchen, die meine Eltern an mich hatten. Denn dazu gehörte sicher nicht Sonntags in Cafés abzuhängen, jeden Tag zu telefonieren und so von Zeit zu Zeit ein paar verrückte Dinge tun.
Ich weiß nicht, ob das Schicksal – oder was immer uns auch lenkt – eine Seele hat. Und, ob ich vielleicht zu rebellisch war. Zu sehr ausgebrochen bin aus dem, was man von mir erwartet hat. Ob Du sterben musstest, weil das in meinem Leben nicht vorgesehen war irgendwo hunderte Kilometer von der Familie weg zu sitzen und ein eigenes, kleines Leben zu haben. Oder, ob Du gestorben bist, weil Du mit meiner Unsichtbarkeit eingegangen bist. Ich frag mich, ob Du noch leben würdest, wenn Du jemanden gefunden hättest, der mehr Zeit für Dich gehabt hätte. Der besser darin gewesen wäre all das, was Du geben wolltest, anzunehmen. Wenn ich aufmerksamer gewesen wäre, im letzten Frühling hätte besser für Dich da sein können, wenn ich nicht – woher auch immer – so ein unerschütterliches Vertrauen in uns Beide gehabt hätte.
Wochenende. Ich habe mal ausnahmsweise frei an einem. Und während der
Körper dringend versuchen muss, der Erschöpfung Herr zu werden und der Kopf
eigentlich auch zur Ruhe kommen muss, funktioniert das in der Realität immer
eher weniger gut.
Ich glaube mein Urinstinkt, wenn ich mal ein bisschen Luft habe ist
immer: „Ich möchte nach Hause.“ Und dann fällt mir immer siedend heiß ein, dass
ich keine Ahnung habe, wo das ist. Und dass all die zeitliche Freiheit nichts
nützt, wenn da nichts ist, das ein bisschen emotional wärmen kann. Sondern
immer eher bewusst macht, was da fehlt.
Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben schon mal so viel Heimweh hatte
wie in den letzten Wochen. Ob mir je so sehr eine Schulter an meiner Seite
gefehlt hat. Ob ich mich je so zurück nach einem „wir“ gesehnt habe.
Es ist viel zu lange her, dass zwei schlagende Herzen zusammen in der
Altstadt am Fluss standen, irgendetwas in mir ganz leicht gezittert hat, weil
der Moment so schön war und ich gleichzeitig wusste, dass diese Momente etwas
ganz Besonderes sind, weil es sie viel zu selten gab und ich das schon fast
vermisst habe, als wir noch dort standen.
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Ansonsten… ich hab meine Mittwoche in den letzten Wochen so gern gehabt. Therapie und danach frei. Ein bisschen bei Dir bleiben, nicht mehr funktionieren müssen, erst Donnerstagmorgen wieder auf der Station sein. Und mit im Schnitt zwei Diensten pro Woche schien es immer ganz gut zu sein Donnerstag und Sonntag Dienst zu machen; da kommt man vielleicht mit den Ruhezeiten hin. Aber der Luxus ist vorbei. Und das trifft mich mehr, als ich gern zugeben möchte. Ich habe keine Lust nach der Therapie arbeiten zu gehen, ein Ohr für die Patienten statt für mich selbst haben zu müssen und dann viel zu spät nach Hause zu kommen, weil mir die Zeit natürlich mittags fehlt, um dann bis Mitternacht ein Therapieupdate zu schreiben und am Donnerstag in den 24 – Stunden - Dienst zu gehen. Und überhaupt Dienste… - theoretisch müsste jeder ein Mal alle zwei Monate einen Sonntagnachtdienst machen. Du musst dann halt Montag auch immer noch arbeiten und den Schlaf kannst Du eben nicht mehr nachholen. Die ganze Woche nicht, da muss erst wieder Wochenende werden, bis es besser geht. Und dann kommen die Kollegen und erzählen mir irgendetwas von „Ja Mondkind Du bist jung und Du kannst das noch vertragen – kannst Du mal die Dienste machen“ und natürlich mache ich das dann und habe jetzt drei von diesen Diensten in zwei Monaten. Ich schlaf halt auch nicht jede Nacht. Und ja, ich müsste mehr „nein“ sagen, das weiß ich auch.
Und weißt Du, jetzt kommen mir die Menschen um die Ecke zu erzählen
mir, ich müsse halt mein Leben leben und da eine Menge umstrukturieren.
Irgendwie weniger arbeiten, mehr Freizeit haben, Freunde finden. Und ich denke
mir manchmal: „Ihr habt doch auch den Knall nicht mehr gehört?“ Ich bin 2017 in
die Studienstadt gezogen, habe mir so viel Mühe gegeben Freunde zu finden und
es gab so zwei, drei Leute, die ich echt gern hatte und bei denen ich öfter mal
war. Und es gab Dich. Ich habe es trotz der Tatsache, dass ich davor eigentlich
nie ein Sozialleben hatte geschafft, mir ein bisschen etwas aufzubauen und das
wirkte immer alles sehr fragil auf mich und so, als würde ich mir da etwas raus
nehmen, was vielleicht nicht für mich bestimmt war.
Und als Du gestorben bist war
es, als sei eine Bombe explodiert. Nicht nur Du warst weg, auch alles andere,
das die Studienstadt vorher war. Innerhalb von Sekunden war da nur noch Schutt
und Asche.
Ich habe keine Lust mehr von vorne anzufangen und ich glaube auch
nicht, dass es richtig ist etwas zu leben, das wir beide nicht hinbekommen
haben. Es lag sicher an uns beiden, dass es nicht geklappt hat und wie kann ich
mein Leben weiter leben, wenn Du Deins verloren hast?
Aber es stellt sich natürlich die Frage: Was ist das Leben seit
Monaten? Arbeiten bis zur Erschöpfung, irgendwie funktionieren, zwischendurch
darauf hoffen, dass die potentielle Bezugsperson ein bisschen emotional wärmt
um das dann mit einer Art emotionalen Erinnerungsvermögen zu speichern, damit
es bis zum nächsten Mal reicht.
Kann das ewig funktionieren? Ich glaube, ich bin an den Grenzen des
Machbaren angekommen. Ich weine seit Tagen so viel, weil das alles so
wahnsinnig sinnlos ist und alle Menschen die irgendetwas von mir wollen und
noch Energie und Zuneigung für sich aus mir heraus ziehen, könnte ich an die
Wand klatschen. Ich kann nicht mehr. Nicht mehr so. Ich kann nicht mehr geben,
wenn es so schwer ist die eigenen Speicher aufzufüllen. Erst Donnerstag habe
ich noch ewig bei einer Patientin am Bett gesessen, die ihre Tochter durch
einen Suizid verloren hat. Natürlich habe ich ihr nichts von meiner eigenen
Betroffenheit erzählt und zu sehen, wie sehr diese Frau auch nach so vielen
Jahren noch darunter leidet, hat mir ein bisschen das Herz gebrochen. Ich habe
mich verpflichtet gefühlt ihr zuzuhören, aber eigentlich war es ziemlich
unerträglich.
„Bist Du seitdem nochmal oben gewesen?“, singt Revolverheld in einem
ihrer Lieder. Wir wollten aufs Revolverheld – Konzert, erinnerst Du Dich? Und
ich wollte Dir dabei Dresden zeigen.
Nein, bin ich nicht. Noch mal oben gewesen.
Aber ich hoffe, dass ich irgendwann mal fahren kann in den nächsten
Wochen. Es gehört doch zum Sommer. Es war doch kein Sommer, wenn ich nicht dort
war. Ich möchte noch ein Mal auf diesen Spuren wandeln, die irgendwann mal ein
Stück Leben waren. Ich möchte am Fluss stehen, die Altstadt sehen, eine Runde
über das Klinikgelände drehen, auch wenn Herr Kliniktherapeut nicht mehr da ist.
Noch mal an der Uni vorbei gehen, meinem alten Fahrrad, das immer noch dort
steht Hallo sagen. Für die Erinnerung an das, was war. An Orte, an denen ich
mal kurz das Glück gefühlt habe, emotional sicher aufgehoben war. Es konnte
alles nicht bleiben. Aber ich möchte nochmal mein altes Leben besuchen. Von dem
die potentielle Bezugsperson behauptet, dass es das nie gegeben hat. Es war
vielleicht nie so viel, wie andere Menschen in meinem Alter, in meiner
Situation hatten. Aber es war das Beste, das ich hatte.
Ich finde keine besseren Worte gerade. Aber eigentlich bräuchte es auch keine. Eigentlich bräuchte es nur eine feste Umarmung die mich spüren lässt, dass ich nicht ganz alleine bin.
Ganz viel Liebe
Ich vermisse Dich und uns so sehr
Mondkind
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