Fragen
Wir waren am Wochenende im Moor unterwegs. Und während der Blick über
die karge Vegetation des Hochmoores streifte, bot die Endlosigkeit des Raums
viel Platz zum Nachdenken.
Mir war das nie so bewusst, dass ich auf so viele Fragen einfach keine
Antworten habe.
Es ist unfassbar, wie viel es anstoßen kann mit jemandem zu reden, der
zum ersten Mal auf die ganze Sache schaut.
„Wenn es eine Fee gäbe, von der Sie sich drei Dinge wünschen dürften –
was würden Sie sich wünschen?“
Ganz am Ende sind wir da auf irgendetwas gekommen – einfach, weil er
mich solange darauf festgenagelt hat, bis ich irgendetwas gesagt habe. Aber
eigentlich weiß ich es bis heute nicht so genau, was ich mir wünschen würde.
Auch wenn ich schon ein paar Tage Bedenkzeit hatte.
„Wenn Sie sich einen Freund aussuchen dürften – wie würde der aussehen
und was hätte er für Eigenschaften?“
Makaber an der Sache war, dass ich ungefähr zwei Wochen vorher mit
einer Freundin dieselbe Diskussion hatte. Und ihr erklärt habe, dass ich mir
darüber noch nie so genau Gedanken gemacht habe. Wenn es der Richtige ist,
werde ich es merken…
Leider hat er das nur auch nicht gelten lassen.
Und dann ging die Sache andersherum weiter: „Was haben Sie für
Eigenschaften, die andere an Ihnen schätzen würden?“
Ähm… - ja. Nächste Frage, bei der ich echt blöd dastand. Zwar wurde
ich bisher von meinem Umfeld immer sehr stark an meiner Leistung gemessen, aber
das wollte ich nicht sagen. Vielleicht kann Kompetenz oder Professionalität
auch eine Sache sein, die man an einem Menschen schätzt, aber ich halte mich
weder für besonders kompetent, noch besonders professionell. Das würde einem im
Krankenhaus wohl auch keiner sagen, solange, wie man als PJler
berechtigterweise ganz unten in der Kette steht.
„Was mögen Sie denn an sich selbst…?“
Im Nachhinein frage ich mich, wie ich das mit dem ausgehalten habe.
Keine Ahnung.
Wahrscheinlich ist das mit ein Grund, warum ich quasi permanent das
Gefühl habe, den Menschen auf den Zeiger zu gehen und mir jede Frage, jede
Mail, jedes Telefonat fünf Mal überlege…
Und irgendwann kamen wir dann darauf zu fragen, ob ich den Kontakt zu
anderen Menschen überhaupt lange aushalten würde.
Ich weiß nicht mehr, worauf ich da gekommen bin. Ob wir überhaupt
irgendwohin gekommen sind. Aber ich glaube es nicht. Denn wenn das zu eng wird,
kommen Verlustängste. Immer. Die Angst, etwas zu verlieren, das ich doch gerade
erst gewonnen habe. Und das führt immer dazu, dass ich mich an diese Menschen
klammere, was die Sache für beide Seiten extrem anstrengend macht.
Zu viel Kontakt macht abhängig. Angreifbar und verletzlich. Und was
für wenige Augenblicke vielleicht schön sein kann, lässt danach tagelang die
Sehnsucht zurück – so sehr, dass es wehtut. Immer.
Und das ist auch der Grund – das habe ich natürlich nicht gesagt – der
die ganze Neuro – Sache gerade so anstrengend macht. Irgendwie haben wir uns zu
schätzen gelernt – der Neuro – Oberarzt und ich. Eine Sache, die auf
Gegenseitigkeit beruht. Wenn es so ist, wie er es sagt. Manchmal glaube ich das
nicht, aber gehen wir mal davon aus, dass er es ernst meint. Er akzeptiert mich
einfach hundert prozentig, wie ich bin. Räumt allen Bedürfnissen einen Platz
ein. Hat mir sogar noch ein zweites Büro besorgt, in dem ich meine Ruhe habe.
Es liegt ihm etwas daran, dass das hier klappt. Und wenn das heißt, dass wir ab
und an in seinem Büro über Ängste, Insuffizienzgefühle und den Sinn des Lebens
und des Seins diskutieren, dann ist das okay für ihn.
Jeder Kontakt mit ihm ist irgendwie etwas Sonderbares. Für einen
Augenblick wird es ganz still in mir. Und danach fängt die Sehnsucht an. Auch,
wenn er neben mir sitzt.
Und manchmal… - manchmal komme ich mir vor, wie eine Hülle, die vom
Wind ein paar Zentimeter über dem Boden durch die Welt getragen wird.
Weil ich einfach nicht weiß, wer ich bin. Was ich möchte. Und wo genau
ich mich verloren habe. Und dann ist es doch kein Wunder, dass da immer
Ankerpunkte sein müssen. Die ich hier langsam finde.
Ich weiß nicht, ob ich auf die Fragen jemals eine Antwort haben werde. Eigentlich habe ich keine Ahnung, was ich im Moment mache. Was mich leitet. Wem oder was renne ich hinterher? Habe ich nur Ziele, damit es zumindest irgendeinen Antrieb gibt? Sind es vielleicht auch nur bestimmte Menschen, die mich haben durch halb Deutschland ziehen lassen? Und welche Fachrichtung fühlt sich wirklich richtig an, wenn das mit dem Fühlen aktuell so schwer ist - besonders mit den positiven Gefühlen.
„Das wird sich finden“, sagen die Menschen und scheinen überzeugt davon zu
sein. Vielleicht wird es Zeit, ihnen zu glauben und sich gemeinsam mit ihnen vorsichtig auf den Weg zu machen.
Aber ich frage mich ein bisschen: Wie viele andere Menschen würden auf
die oben genannten Fragen eine Antwort finden? Weiß jeder, was er sich wünscht?
Gibt es gar Menschen, die selektieren müssen? Kann jeder Mensch Dinge an sich
benennen, die er mag? Gibt es Menschen, die Beziehungen ohne Verlustängste
leben?
Ich weiß es nicht…- vielleicht für alle von uns heute ein Post zum Nachdenken...
P.S. Wisst Ihr, dass ich eigentlich seit Stunden Neuro lernen wollte... Voller Kopf und dadurch Lernblockade und so...
P.P.S. Ich habe ja in Bezug auf das Fühlen auch noch Hausaufgaben. Bis Donnerstag habe ich noch Zeit. Wo fühle ich die Gefühle und wie genau fühlt sich das an...? Ich habe noch keine Antwort, aber ich sollte versuchen bis Donnerstag eine zu finden...
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