Psychiatrie #41
Ich glaube so langsam haben mich die Therapeuten dort, wo sie mich
schon lange haben wollten. Die Mondkind fühlt mal etwas.
Irgendein seltsames Potpourri. Heimweh. Wohin auch immer. Gibt es nach allem noch etwas wie ein „zu Hause“? Kann es so bald eines geben? Kann ich mich irgendwo sicher zusammen rollen? Hoffnungslosigkeit. Kann ich nach all den Jahren, nach all der Zeit, in der die Unterstützung immer weniger wird, weil das niemand mehr mittragen kann, noch einen Platz finden? Trauer. Um den Freund. Nachdem das doch zwischendurch schon mal besser war. Ist es so überpräsent. Dankbarkeit für das, was wir hatten. Und die Sehnsucht nach dem, das wir nie wieder haben werden. Die Angst vor dem Vergessen über den Alltag. Die Angst, dass die Welt sich weiter dreht und er immer blasser in dieser Welt wird. Die Angst, seine Stimme zu vergessen. Nicht mehr sagen zu können, was er zu den Situationen gesagt hätte. Präsenz. Des Spiegelbildes. Das er unbewusst gemalt hat. „Wieso können wir uns nicht alle sagen, dass wir uns lieb haben…?“, fragt ein leises Stimmchen. Mit Blick auf die Eltern. Mit denen jedes Telefonat eine eigene Katastrophe ist. Tiefe Sehnsucht. Nach Annahme. Und Geborgenheit. Und dem Satz des Therapeuten im Ohr, dass man aus dem Alter raus ist und das auch nicht mehr extern nachholen kann.
Klinikkoller auf der einen Seite. Genervt von so vielen Reizen, Menschen, Anforderungen. Angst auf der anderen Seite. Einsamkeit, Alleinsein. Klemme im Kopf, die es nicht zulässt, Hilfe einzufordern. Und, weil ich jetzt wirklich nicht mehr arbeitsfähig bin. So. Mit diesen vielen Emotionen, mit dem traurigen und wütenden Kind, das durch mich hindurch hüpft. Und wir entweder ganz schnell auf alle Töpfe den Deckel wieder drauf machen. Oder wir beschließen, der Mondkind Zeit zu geben. Und das nicht wirklich in meiner Hand liegt das zu entscheiden. Und, weil es den inneren Kindern den nächsten heftigen Schlag versetzen würde, wenn man sie erst animiert hat für sich einzustehen und sie dann wieder nicht hört. Unglaublich angreifbar. Verletzbar. Mit diesem Herz aus Glas. Das gerade irgendwie aus dem Takt geraten ist. Durch die vielen Sprünge.
Irgendein seltsames Potpourri. Heimweh. Wohin auch immer. Gibt es nach allem noch etwas wie ein „zu Hause“? Kann es so bald eines geben? Kann ich mich irgendwo sicher zusammen rollen? Hoffnungslosigkeit. Kann ich nach all den Jahren, nach all der Zeit, in der die Unterstützung immer weniger wird, weil das niemand mehr mittragen kann, noch einen Platz finden? Trauer. Um den Freund. Nachdem das doch zwischendurch schon mal besser war. Ist es so überpräsent. Dankbarkeit für das, was wir hatten. Und die Sehnsucht nach dem, das wir nie wieder haben werden. Die Angst vor dem Vergessen über den Alltag. Die Angst, dass die Welt sich weiter dreht und er immer blasser in dieser Welt wird. Die Angst, seine Stimme zu vergessen. Nicht mehr sagen zu können, was er zu den Situationen gesagt hätte. Präsenz. Des Spiegelbildes. Das er unbewusst gemalt hat. „Wieso können wir uns nicht alle sagen, dass wir uns lieb haben…?“, fragt ein leises Stimmchen. Mit Blick auf die Eltern. Mit denen jedes Telefonat eine eigene Katastrophe ist. Tiefe Sehnsucht. Nach Annahme. Und Geborgenheit. Und dem Satz des Therapeuten im Ohr, dass man aus dem Alter raus ist und das auch nicht mehr extern nachholen kann.
Klinikkoller auf der einen Seite. Genervt von so vielen Reizen, Menschen, Anforderungen. Angst auf der anderen Seite. Einsamkeit, Alleinsein. Klemme im Kopf, die es nicht zulässt, Hilfe einzufordern. Und, weil ich jetzt wirklich nicht mehr arbeitsfähig bin. So. Mit diesen vielen Emotionen, mit dem traurigen und wütenden Kind, das durch mich hindurch hüpft. Und wir entweder ganz schnell auf alle Töpfe den Deckel wieder drauf machen. Oder wir beschließen, der Mondkind Zeit zu geben. Und das nicht wirklich in meiner Hand liegt das zu entscheiden. Und, weil es den inneren Kindern den nächsten heftigen Schlag versetzen würde, wenn man sie erst animiert hat für sich einzustehen und sie dann wieder nicht hört. Unglaublich angreifbar. Verletzbar. Mit diesem Herz aus Glas. Das gerade irgendwie aus dem Takt geraten ist. Durch die vielen Sprünge.
Ich hoffe, ich kann hier sicher sein. Aber ich weiß es nicht. Man kann
es nie wissen.
***
Frühs.
Kurz nach 6 Uhr sitze ich mit dem ersten Kaffee auf der Dachterrasse.
Der Kater strolcht schon zwischen den Stühlen umher. Ich setze mich
auf die Bank und lege ein Sitzkissen neben mich. Mit der Hand klopfe ich zwei
Mal auf das Kissen, was den Kater dazu ermuntert mit einem Satz hinauf zu
springen. Dann klopfe ich noch zwei Mal auf meine Beine. Zunächst etwas
zögerlich setzt er die Vorderpfoten auf meine Oberschenkel. Dann klettert er
auf meine Beine, dreht sich drei Mal im Kreis und lässt sich dann fallen. Legt
nach einiger Zeit den Kopf auf meinem Arm ab, den ich um ihn herum gelegt habe.
Mit der anderen Hand streiche ich ihm über den Rücken. Und so sitzen wir da.
Während sich die Dachterrasse im Verlauf der nächsten Stunde füllt.
Ich liebe diese Morgen. Die so ruhig starten. Mit so viel Leben auf
meinem Schoß. Und zwischen meinen Händen. Die Aufmerksamkeit nur auf dem Tier.
Die Oberarztvisite verschiebt sich heute – stattdessen haben wir
Visite mit einem Vertretungsarzt.
Es gibt immer wieder Menschen, die eine unglaubliche Ruhe ausstrahlen.
Bei denen man sich von der ersten Sekunde an, nachdem man den Raum betreten
hat, ernst genommen fühlt. Er gehört irgendwie dazu.
Ich weiß nicht mal genau, woran das liegt. Er hat einen Übergabezettel
vor sich liegen – ist also informiert; was schon mal gut ist. Fasst kurz
zusammen, welche Gründe mich in die Klinik geführt haben, was laut
Übergabezettel das Hauptproblem ist. Fragt, wie es mir geht und was dazu
geführt hat, dass es jetzt ist, wie es eben ist. Lässt mich die Worte suchen.
Ausreden. Aber redet mir meine Befindlichkeit nicht aus. Holt mich dort ab, wo
ich gerade bin. Betont nochmal, dass es gut ist, dass ich den Weg hierher
gefunden habe, der ja nun scheinbar nicht ganz einfach war. Dass ich mich hier
behandeln lassen darf, wenn ich nun mal diese Krankheit habe. „Und wenn es
Ihnen sehr schlecht geht, dann dürfen Sie sich auch mal Bedarfsmedikamente
geben lassen…“, regt er an. Ich traue mich dann sogar zu sagen, dass das ein
riesen großes Problem ist, weil ich - wenn es mir sehr schlecht geht - noch
hasenfüßiger werde, als ich ohnehin schon bin. Er sagt, dass ich das ja nicht
mal begründen müsse. Ich müsse nur dahin gehen und sagen, was ich brauche. Und,
dass ich das ruhig versuchen soll.
Danach Telefonat mit meinem Vater.
Wie üblich… - schwierig. „Mondkind, ich habe Dir doch schon mal
gesagt, dass Du das mit dem Tod des Freundes jetzt mal abhaken musst. Dass Du
Dir den Kopf darüber zerbrichst, macht ihn auch nicht mehr lebendig. Du musst
Dir sagen: „Jetzt beweise ich es allen erst recht“…“
Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Auf der einen Seite
verstehe ich das schon: Ich kann mich davon jetzt nicht komplett zerfressen
lassen. Es muss irgendwie weiter gehen. Auf der anderen Seite: Wem muss ich
denn jetzt etwas beweisen? Und ist das mit der Trauer nicht auch irgendwie
wichtig… ? Und irgendwie… - ja, irgendwie habe ich auch Angst, ihn zu schnell
zu „vergessen“. Und ich möchte ihn nicht vergessen. Ich möchte, dass er
irgendwie noch lange bei mir ist. Auch, wenn das vielleicht weh tut. Aber ich
kann mir noch nicht vorstellen, irgendwann mal dahin zu kommen zu sagen: „Ich
habe da mal Jemanden gekannt vor langer Zeit…“ Wisst Ihr, was ich gern mal
machen würde… ? Ich würde gern irgendwo mal eine Kerze für ihn anzünden dürfen.
Das habe ich noch gar nicht gemacht.
Und natürlich… - natürlich kamen auch wieder die Vorwürfe: „Mondkind,
Du gibst Dir nicht genügend Mühe…“
Ich weiß es nicht… - auch das weiß ich einfach nicht. Was mir halt
auffällt ist, dass ich eigentlich mein ganzes Leben lang immer viel mit dem
Kopf lösen konnte. Das war natürlich relativ einfach sichtbar und beurteilbar,
was man da gemacht hat. Aber ich glaube, die Krankheit ist nicht über den Kopf
lösbar. Ich habe über weite Strecken tatsächlich keine Ahnung, was die hier von
mir wollen. Mühe gebe ich mir schon. Wirklich. Ich weiß nur nicht, ob es
„richtig“ ist, was ich hier mache.
Danach ist Ergo – Schema – Therapie. Wir schauen einen Filmausschnitt
und an irgendeiner Stelle nimmt das Erwachsene das innere Kind einfach in den
Arm, nachdem es darum gebeten hat. Danach sollen wir den Filmausschnitt
irgendwie kreativ umsetzen. (Mondkind und kreativ… ). Weil mich dieser
Ausschnitt im Film so berührt hat, komme ich irgendwann auf die Idee die
erwachsene Mondkind und Monkind – Kind Hand in Hand unter einem Regenbogen zu
malen. Wobei Mondkind – Kind noch einen Bund Luftballons in der anderen Hand trägt, auf dem liebe und
wertschätzende Sätze an das innere Kind stehen sollen. Und die erwachsene Mondkind
trägt auf dem anderen Arm noch eine Kiste mit Erinnerungen an den Freund. Damit
die nicht verloren gehen. Und er immer bei mir bleibt. Allerdings ist das
natürlich ein Wunschdenken. Dass die erwachsene Mondkind und Mondkind – Kind
mal Hand in Hand durchs Leben gehen… - davon sind die beiden ungefähr soweit
entfernt, wie die Sonne vom Mond.
Am Ende sollen wir unser Bild erklären und ich frage mich ernsthaft,
ob ich so bald mal wieder irgendeine Therapie absolviere, ohne am Rand der
Tränen zu sein. Es ist furchtbar.
Und dann endet der Tag mal wieder auf der Dachterrasse. Mit vielen Zweifeln. Ob das hier alles so richtig ist. Und der Frage, wo denn das "alte Leben" abgeblieben ist.
Mondkind
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